Urzeitkrebse als Opfer der Popkultur

Wie bei wahrscheinlich sämtlichen in den Siebzigerjahren aufgewachsenen männlichen Westdeutschen finden sich auch in meiner Biografie zahlreiche gescheiterte Zuchtversuche mit Urzeitkrebsen. In regelmäßigen Abständen lagen der Zeitschrift Yps damals kleine Tütchen mit staubgroßen Eiern bei. Streute man diese in ein Glas mit zimmerwarm temperiertem Wasser, würden daraus – so das Versprechen – binnen weniger Tage muntere kleine Krebsbabys schlüpfen. Das klappte natürlich nie. Man wartete tagelang, bis sich das Wasser auf natürliche Weise erwärmt hatte, kippte getreu der Anweisung kontinuierlich Algenkrümel in die Brühe und wartete weiter. Vergeblich, alles was man zu sehen bekam, waren an der Oberfläche treibende Flocken.

Groß waren daher meine Freude und mein Ehrgeiz, als nach jahrelanger Pause kürzlich wieder ein neues Yps-Heft erschien – mit einem Tütchen Krebseier anbei. Diesmal musste es funktionieren! Mein Sohn und ich erklärten die Sache zum gemeinsamen Projekt, richteten den kleinen Krebsen eine gemütliche Karaffe ein, übten uns anweisungsgemäß in Geduld und warteten drei Tage mit dem Ausstreuen der Eier. Und siehe da: Es klappte! Am sechsten Tag wimmelten tatsächlich aufgeregte kleine Urzeitwesen im Glas. Zwei Wochen lang fütterten wir die Tiere, sie wuchsen sogar, dann fuhren wir in die Osterferien. Mein Nachbar X., ein legendärer Impresario des Berliner Nachtlebens, kam täglich vorbei, um die kleinen Krebse liebevoll zu versorgen und pflegen, und bei meiner Rückkehr stellte ich verwundert fest, dass ein erheblicher Teil von ihnen immer noch lebte.

Dann allerdings ging es doch wieder schief. Am nächsten Tag traf ich mich mit meinem Kollegen Y., einem bekannten Kurator und Konzertveranstalter, zu einem Arbeits-Abendessen. Am Ende des Abendessens war Y. zu betrunken, um nach Hause zu fahren, und übernachtete im Zimmer meines noch in den Osterferien weilenden Sohns. Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass Y., offenkundig von Alkoholbrand getrieben, des Nächtens nicht nur die Käsevorräte im Kühlschrank und den Studentenfuttertopf auf dem Tisch meines Sohnes geplündert hatte. Er hatte auch die danebenstehende Karaffe mit Wasser ausgetrunken – mitsamt den darin schwimmenden Krebsen.

So wurden die Urzeitwesen kurz vor dem Ende ihres ersten Lebensmonats zu Opfern der Popkultur. Aber beim nächsten Mal, da bin ich mir sicher, päppeln wir sie bis in die Pubertät.

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2 Gedanken zu “Urzeitkrebse als Opfer der Popkultur

  1. Pingback: Too much information - Papierkorb - Lesezeichen vom 26. Mai 2013

  2. Hi
    War ihm das nicht zu salzig? Na ja, vielleicht war er so betrunken, dass ihm das nichts mehr ausgemacht hat.
    Bald kommt übrigens ein ganzes Heft zum Thema Urzeitkrebse heraus. Schau doch mal auf meiner FB Seite vorbei.

    Gruss
    Atlant