Es gibt Lesben, die Rammstein mögen

Heute zunächst wieder: Post von den Lesern beziehungsweise den  Leserinnen. Zu meiner Rezension des Konzerts von Beyoncé Knowles in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof erhalte ich folgende Zuschrift von Dörte Stolze: „Hach, Herr Balzer, so froh ich auch bin, Ihren Zynismus niemals persönlich erfahren zu müssen, so dankbar bin ich Ihnen immer wieder für Nachlesen wie diese. Ihre wohlformulierte Berichterstattung und die ebenso wohlausgewählte Bühnenszenerie waren mir ein Fest. Ich käme nie auf die Idee, solch ein Konzert besuchen zu wollen (frühestens vielleicht einer zukünftigen Enkelin zuliebe). Ich bin aber dennoch immer wieder froh darüber, von Ihnen über entsprechende Veranstaltungen informiert zu werden.“  Vielen Dank, Frau Stolze. Gern geschehen.

In meiner Besprechung der Konzerte der beiden Cross-Dressing-Gruppen  Rammstein und Coco Rosie in der Montagsausgabe dieser Zeitung hatte ich die Frage aufgeworfen, ob es eigentlich auch Lesben gibt,  die Rammstein mögen, und in diesem Fall jene Lesben darum gebeten, sich einmal bei mir zu melden. Daraufhin schreibt mir unsere Leserin Marie: „Hallo Herr Balzer! Machen Sie ruhig noch einen Strich mehr auf Ihrer Liste: ,Lesben mit gutem Musikgeschmack und Sinn für Humor‘! Denn ich gehöre auch zu der Meute, die erstens weiß, wie sich gute Musik anfühlen und wo sie vibrieren muss, und die zweitens geistig rege genug ist, um die unter anderem von Rammstein dargebotenen Wort- und Körperspiele mit eigenen Assoziationen zu verknüpfen. Lieder, Gedichte, Bilder – also Kunst in ihren engen und weiten Sinnen – sind doch nur Krüge, die man selbst mit Wasser füllen muss, in der Hoffnung seine vertrocknende Seele damit nähren zu können. Beste Grüße, Marie.“

Von unserer Leserin Susanne Wastl erhalte ich wiederum folgende Auskunft:   „Hallo Herr Balzer! Ja, es gibt Lesben, die Rammstein mögen. Und auch Lesben, die Coco Rosie nicht mögen. Und es gibt sogar Lesben, die gern ins Berghain gehen. Inzestbeziehungen mit der eigenen Schwester hingegen sind mir noch nicht untergekommen.“

Auch in der kommenden Woche finden nun wieder diverse Konzerte statt, die für Lesben mit gutem Musikgeschmack  von Interesse sein könnten, ganz gleich, ob sie schon einmal eine Inzestbeziehung mit ihrer Schwester hatten oder eben auch nicht. Besonders hervorheben möchte ich den Auftritt der großen hysterischen und männerhassenden britischen Singer-Songwriter-Königin Scout Niblett. Auf epochalen Alben wie  „This Fool Can Die Now“ hat sie nicht nur die schönsten misogynsten Texte gedichtet, die man sich vorstellen kann. Ihre Songs  – meist nur mit kratzender Gitarre und schepperndem Schlagzeug instrumentiert – klingen auch derart gewalttätig und roh, dass sie nicht mehr wie Songs wirken, sondern wie musikalische Splitter, die sich tief in Ohren und Hirne und sonst wohin bohren. Am kommenden Montag (3. Juni, 20 Uhr) stellt Scout Niblett in der Volksbühne ihr neues Album „It’s Up To Emma“ vor.

Was uns zu Steve Albini bringt, dem großen Chicagoer Gitarristen und Gitarrenrockproduzenten, der das Klangbild von Scout Niblett auf diversen Platten maßgeblich formte – und von Nirvana über Whitehouse bis zu Joanna Newsom auch überall  sonst seine Finger am Mischpult hatte,  wo Musik besonders hysterisch oder misanthrop klingen sollte. Die hysterischste und misanthropste Musik macht aber immer noch Steve Albini selber: in Bands wie Big Black und Rapeman in den Achtzigerjahren und seit 1994 in dem Trio Shellac. Zu den animalisch-motorischen Rhythmen von Bob Weston (Bass) und Todd Trainer (Drums) spielt er sein Instrument hier so aggressiv und verletzlich, so brutal und zugleich spirituell wie sonst kein anderer Gitarrist in den weiten Feldern des Rock und des Blues.

Am Mittwoch (29. Mai, 20 Uhr) geben Shellac eines ihrer seltenen Konzerte im Berghain; ergänzend legt der bescheidene Verfasser dieser Kolumne lesbischen Inzestrock der Achtzigerjahre auf den Plattenteller. Sollten Sie noch keine Karte haben, haben sie allerdings Pech gehabt: Der Abend ist restlos ausverkauft.

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