Ist Gott tot? Oder riecht er nur komisch?

Nach 35 Jahren versuchen Black Sabbath mit Ozzy Osbourne ein Comeback

 
Als wir kürzlich, während einer der wenigen Wärmeperioden im bisherigen Jahr, die Dachterrasse zu begrünen begannen, gelangte mit der zentnersackweise  emporgehievten Blumenerde offenbar auch ein kleines Ameisenvolk in die Wohnung; jedenfalls wimmelten die Tiere  bald emsig zwischen den Blumentöpfen herum, um in einem zweiten Schritt dann von der Terrasse aus einen schnurgeraden Pfad zur Küche hindurchzulegen. Immer wieder ein faszinierender Anblick! Freilich fragt man sich nach ein paar Tagen schon, wie man solche Ameisenstraßen wieder loswerden kann.

Ozzy Osbourne hat sie bekanntlich geschnupft, wie er in seinen muntersten Zeiten alles durch die Nase zu ziehen pflegte, was in einer dünnen Linie vor ihm ausgelegt wurde. Nicht zuletzt  deswegen warfen die drei anderen Mitglieder seiner Gruppe Black Sabbath ihn 1978 heraus, und es hat geschlagene 35 Jahre gedauert, bis er nun – nach einigen mal mehr,   mal weniger gelungenen Reunion-Konzerten und Songs in den Neunziger- und Nullerjahren – mit Tony Iommi und Geezer Butler wieder ein komplettes Studioalbum aufgenommen hat.

Es heißt „13“ und wurde von dem renommierten Altrocker-Revitalisierungs-Experten Rick Rubin produziert;  von Johnny Cash bis zu Neil Diamond hat dieser schon vielen als künstlerisch erledigt angesehenen Fällen zu neuer Blüte im Herbst des Lebens verholfen. Über seinen Anteil an „13“ gehen die Ansichten indes auseinander: Nach Darstellung von Rubin selbst ist es  nur ihm zu verdanken, dass die jahrzehntelang zerstrittenen Musiker wieder zueinander gefunden haben wie auch zurück zu ihren musikalischen Wurzeln – also insbesondere zum britischen Bluesrock der späten Sechzigerjahre nach Art etwa von Cream, als dessen radikal entschleunigte Variante man die Musik der frühen Black Sabbath ja begreifen kann. Tony Iommi  hingegen beschrieb die Rolle von Rubin so: „Er hat gesagt, schreib die Songs, und immer wenn du einen Song fertig hast, rufst du mich an.“ Da Rubin allerdings nie ans Telefon gehe, habe man sich bald auf E-Mails verlegt. „Als wir im Studio waren, war er immerhin die ganze Zeit mit dabei; meist lag er mit einem Mikrofon in der Hand auf einem Bett. Ein rätselhafter Typ.“

Wie dem auch sei: Auf „13“ klingen Osbourne, Iommi, Butler und ihr neuer Schlagzeuger Brad Wilk – Original-Drummer Bill Ward wurde wegen Gedächtnislücken, musikalischer Inkompetenz und sozialer Unverträglichkeit endgültig gefeuert – in etwa so  wie 1970 auf dem Black-Sabbath-Debüt „Black Sabbath“. An dessen  Eröffnungsstück erinnern die verschleppten Gitarrenriffs denn auch überdeutlich, mit denen „13“ in dem Song  „End Of The Beginning“ beginnt; dazu stellt Ozzy Osbourne sich und seinen Hörern die relativ schwer zu beantwortende Frage, ob man sich nun am Ende des Beginns befindet oder vielmehr am Beginn des Endes.

Am Ende von „13“, in dem Stück „Dear Father“, sind wiederum jene Regengeräusche und bimmelnden Kirchenglocken zu hören, die man weiland am Anfang von „Black Sabbath“ fand. Man könnte also sagen, dass  ein Leitmotiv dieses Albums die Reinkarnation oder Wiederkehr des Bekannten ist. Aber auch theologische Fragen werden gestellt. Das zweite Stück heißt  „God Is Dead?“ und gipfelt in der Zeile „I don’t believe that God is dead“, was manche bereits zu der Vermutung verleitet hat, Ozzy Osbourne schwöre hier aus Gründen der Altersmilde oder gar -weisheit  seiner satanistischen Weltanschauung ab. Das ist natürlich Unfug, weil der Satanismus schon immer  auf einen religiösen Bezugsrahmen angewiesen war und  mithin auf die lebendige Anwesenheit Gottes. Alles andere wäre Atheismus, und der ist popkulturell bekanntlich nicht besonders ergiebig.

Auch nicht besonders ergiebig sind die Prog-Irrungen und geplänkelten Soli, mit denen Tony Iommi uns etwa  in dem Stück „Zeitgeist“ behelligt; und auch die Frage, ob Ronnie James Dio – Gott hab ihn selig – nicht zwar der weniger lustige Typ, aber bessere Black-Sabbath-Sänger war, darf nach „13“ noch einmal gestellt werden. Doch egal! Denn an den besten Stellen finden Black Sabbath zu jener voluminösen Entschleunigung  zurück, wegen der wir die Band schon immer so liebten und die man nicht zuletzt in den Solowerken von Osbourne und Iommi stets schmerzlich vermisste. Wer oder was immer dafür verantwortlich ist – Rick Rubin, Gott, Satan, Weisheit im Alter –,  verdient daher unseren Dank.

Gegen Ameisenstraßen kann man übrigens hervorragend Backpulver einsetzen! Nicht schnupfen, sondern zu Häufchen aufschichten und den Tieren in den Weg legen, dann verschwinden sie von allein.

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