Schön sind die blauen Augen des Schlittenhunds

Depeche Mode spielten im Olympiastadion

Am Sonntagabend haben die sympathischen Superstars von Depeche Mode vor sechsundsechzigtausend Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion ein schönes Konzert gegeben bei charakteristischem Berliner Freiluftkonzertwetter. „Oh God it’s raining / and I’m not complaining“, singt Martin Gore in dem Stück „But Not Tonight“: Ach Gott, es regnet, aber ich will nicht jammern. Die ansonsten stets schwarz gekleideten Depeche-Mode-Freunde, die sich auch gerne als „Black Swarm“ bezeichnen, sind wetterhalber in Regenschutzbekleidung gekommen und wirken daher diesmal ziemlich bunt; im Segment schwarzgefärbter Allwetter-Capes scheint das Depeche-Mode-Merchandising-Programm noch Erweiterungskapazität zu besitzen.

Zu der wie stets kompetent dargebotenen Musik werden allerlei Filme des Depeche-Mode-Designers Anton Corbijn gezeigt. Bei dem Stück „Precious“, das Martin Gore dereinst für seine Kinder geschrieben hatte, gibt es beispielsweise Bilder von niedlichen Hunden zu sehen! Unter anderem kann man einen äußerst aufmerksamen Dackel betrachten, einen schlau schauenden Golden Retriever in Großaufnahme sowie einen Border Collie, eine der intelligentesten Hunderassen überhaupt! Freilich bleibt festzuhalten, dass es ausschließlich Rassehunde sind, die in diesem Zusammenhang projiziert werden. Ob Depeche Mode ein Vorurteil gegenüber Promenadenmischungen hegen? Dave Gahan windet sich zu dem  Hundefilm jedenfalls erstmals besonders enthemmt und zur nicht endenden Begeisterung seines Publikums beckenschwingend und schambeinschubbernd um das Mikrofon herum, um schließlich zum Bild eines Schlittenhundes mit blauen Augen den berühmten Dave-Gahan-Hintern-hoch-und-herunter-Shake aufzuführen.

Zu „Policy of Truth“ dreht Dave Gahan erstmals eine seiner berühmten Dave-Gahan-Pirouetten – mir persönlich wird hier schon beim Anschauen schwindlig – und wirbelt den Mikrofonständer dabei wie einen Spazierstock herum. Inzwischen ist er von oben bis unten nass. Man weiß nicht, ob dies an pirouettendrehbedingten Transpirationsschüben liegt oder an dem Regen, der vom auffrischenden Wind nun vermehrt auf die Bühne gedrängt wird. Doch egal: Hauptsache nass, denn nass sehen Dave Gahan seine Verehrer am liebsten. Noch lieber sehen sie ihn nur nass und nackt, ein Wunsch, der insbesondere gegen Ende des Abends weitgehend erfüllt wird. Hoffentlich hat er sich dabei nicht erkältet! Zu dem Stück  „Should Be Higher“ werden immerhin wärmende Bilder von einem Feuertänzer vor einem Hochofen gezeigt.

Über zwei Stunden lang spielen sich Depeche Mode durch insgesamt 23 Lieder, von den aktuellen Singles  „Heaven“ und „Soothe My Soul“ bis zu immergrünen Depeche-Mode-Kompositionen wie „Enjoy the Silence“ und „Black Celebration“. Im Zentrum des Repertoires stehen – wie schon bei den letzten Stadiontourneen – Songs aus der dritten Werkphase der Band, in der sie den heiter tütenden Teeniepop ihrer Frühzeit (1981 bis 1982) ebenso hinter sich gelassen hatten wie das politisierte Sadomaso-Kling-Klong aus den Berliner Jahren 83 bis 86.  Es gibt also viel Post-Industrial-mit-Schlagzeug-und-Bart-Bluesrock  aus den Jahren 1987 bis 1997 zu hören, von „Music for the Masses“ bis „Ultra“. Älter als 1985 ist keins der Stücke – mit Ausnahme des ersten Top-of-the-Pops-Erfolgs „Just  Can’t Get Enough“, den Depeche Mode als dritte Zugabe in einer Bongotrommel-Remix-Variante darbieten.

Apropos Bongo: Seit über 15 Jahren gehen sie ja auch mit dem österreichischen Schlagzeuger Christian Eigner auf Tour, ein Umstand, der insbesondere von den Freunden des Frühwerks und der elektronisch-klanginnovativen Seite der Band bis heute beklagt wird. Auch diesmal wird unter Eigners Schießbudengebolz  wieder manches begraben, was auf den Studioalben den Reiz der Depeche-Mode-Musik ausmacht – die filigranen Soundbasteleien und rhythmischen Komplexitäten: alles futsch. Andererseits  wäre davon unter Stadion-Sound-Bedingungen ohnehin nichts zu hören,  insofern kann man festhalten, dass Eigner wenigstens nicht so dominiert wie bei den letzten vergleichsweise intimen Mehrzweckhallenkonzerten. Auch passt der von ihm ins Klangbild geprügelte Rockismus zu den Songs des aktuellen „Delta Machine“-Albums weit besser als zu der Vorgängerplatte „Sounds of the Universe“.

Von der es übrigens genau kein Titel auf die aktuelle Setlist geschafft hat: Zum wiederkehrenden Muster bei den Depeche-Mode-Konzerten der letzten zehn Jahre zählt ja auch der Umstand, dass Stücke aus den nach 1997 produzierten Platten (mit Ausnahme von „Precious“ und „A Pain That I’m Used To“) nur im Erscheinungsjahr dargeboten werden, danach aber nie wieder, was darauf deuten könnte, dass die Band ihrer bis heute andauernden Schaffensspätphase nicht den gleichen künstlerischen Stellenwert beimisst  wie früheren Perioden.

Zu Martin Gore ist noch zu sagen, dass er in diesem Jahr in vergleichsweise unambitionierter Garderobe auftritt. Keine Puschelröckchen, keine Engelskostüme; nur ein bisschen verwüstetes Lidgrün verweist auf seine einstige Rolle als Pionier des metrosexuellen Popmännertums. Aber gegen das Rockschlagzeug von Eigner und das Schambein-an-Mikro-Geschubber Dave Gahans  wirkt Metrosexualität jeder Art ohnehin nur wie ein Anachronismus aus einer früheren, freieren Welt.

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