Keine Ameise hat gerne Kreide an ihren Füßen

Mehrfach haben wir uns in dieser Zeitung in der vergangenen Woche mit dem Themenkomplex „Popmusik und ethisch verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Tieren“ befasst. Es ging einerseits um das fragwürdige Faible des Bluesrockbarden Eric Clapton für die organisierte Fuchsjagd sowie andererseits um die von dem ehemaligen Queen-Gitarristen Brian May angeführte Dachsschutzdemonstration in London; auch befasste ich mich anlässlich des neuen Albums der Gruppe Black Sabbath mit der Frage, wie man am besten gegen Ameisenstraßen im heimischen Wohn- und Kochbereich vorgeht. Dazu habe ich folgende Zuschrift von unserer Leserin Dietlinde Haas erhalten:

„Lieber Herr Balzer, in Ihrem Artikel vom 6.6.13 ,Ist Gott tot? Oder riecht er nur komisch?‘ (S. 24) schrieben Sie: ,Gegen Ameisenstraßen kann man übrigens hervorragend Backpulver einsetzen, dann verschwinden sie von allein‘. Haben Sie recherchiert, was mit den Tieren passiert? Ich bekam den selben Tipp, hörte aber, dass die Tiere durch das Backpulver quasi explodieren. Ich hatte ebenfalls das Problem einer plötzlichen Ameisenstraße – und ich recherchierte weiter … Es half letztendlich, um den Eintrittsort der Ameisen auf dem Boden einen Kreidekreis zu ziehen. Kurz darauf waren sie verschwunden. Ich hoffe, die Kreide an ihren Füßen war ihnen bloß unangenehm und dass sie es deshalb vorzogen, den ungastlichen Ort zu verlassen … Eine Anregung für Ihre Zeitung wäre, einmal einen Artikel über die tierfreundliche ,Beseitigung‘ von sogenannten Schädlingen zu schreiben. Viele Grüße von Lin Haas.“

Vielen Dank, liebe Frau Haas, für Ihre Zuschrift. Ich kann Ihnen versichern: Ich habe schon oft Backpulver gegen Ameisenstraßen gehäuft, und weder sind die Tierchen dabei je explodiert, noch haben sie Feuer gefangen oder auch nur gequalmt.

Herzlich gratulieren möchte ich an dieser Stelle noch unseren Leserinnen Christine Udhöfer und Lucy Renner Jones; sie haben sich in der vergangenen Woche an unserem großen Depeche-Mode-Gewinnspiel beteiligt und jeweils zwei Karten für das komplett verregnete Konzert im Olympiastadion gewonnen. Nochmals hinweisen möchte ich auf die hervorragende Ausstellung mit Depeche-Mode-Devotionalien, die noch bis zum 20. Juni im ehemaligen Warenhaus Jandorf an der Brunnenstraße gezeigt wird. Dort sind nicht nur die Stasi-Akten diverser Depeche-Mode-Fanclub-Betreiber aus der DDR zu betrachten, sondern beispielsweise auch schön gehäkelte jüdische Gebetskappen, die bei einem Konzert der Gruppe in Tel Aviv als Merchandising verkauft wurden. Einige von ihnen sind mit Depeche-Mode-Songtiteln verziert. Nur die Kappe mit „Personal Jesus“-Schriftzug wurde seinerzeit sogleich wieder aus dem Sortiment entfernt, der Witz kam in Tel Aviv offenbar nicht so an.

Und was ist in der kommenden Woche noch los? Unbedingt anraten möchte ich zum Besuch des Konzerts von Mark Ernestus und Jeri Jeri am Donnerstag, den 13. Juni, um 21 Uhr im Festsaal Kreuzberg. Bei Mark Ernestus handelt es sich bekanntlich um einen der, wenn nicht den bedeutendsten Techno- und Dub-, aber auch Dub-Techno-Erfinder aus unserer kleinen Stadt; bei Jeri Jeri handelt es sich um senegalesische Sabartrommler, die nach Angaben der Veranstalter in diesem Fall mit befreundeten Mbalaxmusikern und -sängern kooperieren. Außerdem an diesem Abend auf der Bühne: King Ayisoba und sein Ensemble aus dem östlichen Ghana!

In rundum gerechtfertigter Weise über den grünen Klee gelobt wurde in dieser Zeitung bereits die forsche britische Neo-Postpunk-Riot-Grrrl-Band Savages; wer die vier Künstlerinnen bei ihrem Auftritt im Mai im Lido verpasst hat, erhält kommenden (Dienstag, den 18. Juni,) erneute Gelegenheit: Dann spielen sie nämlich im Vorprogramm der ihrerseits vollständig unforschen und riot-freien, aber darum natürlich nicht minder tollen Portishead; ab 19 Uhr in der Zitadelle Spandau. Tags drauf ist zum krönenden Abschluss auch noch meine aktuelle Lieblings-Singer-Songwriterin aus den USA erstmals in Berlin zu sehen: Kate Crutchfield alias Waxahatchee verbindet Riot-Grrrl-Zorn mit trügerisch unforschem Gitarrenspiel. Am Mittwoch, den 19. Juni, stellt sie im Monarch ihr zweites Album „Cerulean Salt“ vor. Beginn ist um 21 Uhr.

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Ein Gedanke zu “Keine Ameise hat gerne Kreide an ihren Füßen

  1. Es ist schwer zu sagen, woher das Selbstreferentielle stammt. Der Kommentar zum Kommentar nimmt in den letzten Monaten größeren Raum ein. Jens Balzer, ein genialer Kritiker, der vielleicht letzte echte Berliner Punk auf den Spuren Blixa Bargelds aber immer so ein wenig, als sei er auf Drogen. Das spricht nicht gegen die ausgezeichnete journalisitische Arbeit. Aber das Pseudo-Private über die Ameisen oder anderes ist zwar ein bisschen lustig, aber eben nur ein bisschen nd noch weniger oder gar nicht in der Wiederholung. Und das Lob über das Lob der Vergangenheit in dieser Zeitung über Musikanten füllt darüber hinaus die Zeilen. Jens, Du kannst es doch viel besser, das ist seit vielen Jahren belegt und bereitet dem „echten“ Musikfan wirklich Freude. Und in der ersten Depeche Mode-Kritik klingt wieder der spöttische Unterton bei der Empfehlung zum Ausstellungsbesuch, aber bei der Wiederholung mit dem Kipa-Scherz weiß ich nicht so recht weiter. Es sind die Konzertbeschreibungen, die den Unterschied machen. Neulich las ich in der Berliner Morgenpost meiner toten Nachbarin, wie man eben nicht Musikkritik schreiben soll. da hatte ich parallel die Balzerwerke, -verrisse, -lobpreisungen. Das war in der MoPo unterirdisch schlecht. Wen wundert´s? Balzer bleib bei Deiner musikalisch-ironischen Kritik der Musiker und Konzertgänger jedweden Geschlechts. Das ist Grund, Zeitung zu lesen, die eine Berliner ist! „Du bist ein Berliner“, fragte schon Sting 1980 auf dem Easter-Rockfestival in der Deutschlandhalle, Abrissbirne hab´ sie selig. Gibt´s auch nur nen Schwarzmitschnitt im Internet. Will außer mir ja auch keiner mehr hören. Daher aktuelle Empfehlung zum Feierabend: Raga Ahir Bhairav von den Gundecha Brothers. Das wäre eine Kritik wert!
    Gruß von einem treuen Fan, der weiß, dass alles brennt außer Beton und Asbest.