Aus der Bahnhofsboogiekneipe führt kein Weg heraus

Heute zunächst wieder: Post von den Lesern. Herr oder Frau K. Dippold aus Berlin schrieb mir in der vergangenen Woche: „Hallo Jens Balzer, ich frage mich auch manchmal, was Sie so zusammen schreiben, es macht wirklich oft wütend. Solche Typen wie Sie wären wahrscheinlich aber sogar für die Gartenarbeit und die Natur schädlich. Wann werden Sie endlich ersetzt? Diese legitime Frage muss mal gestellt werden, meint K. Dippold, Berlin.“ Vielen Dank!

Zu einem interessanten Medieninformationsereignis ist es am Montagnachmittag im Münzsalon in der Münzstraße in Berlin-Mitte gekommen. Hier präsentierte der bekannte deutsche Rocksänger und Komponist Marius Müller-Westernhagen das Konzept für seine neue Tournee „Alphatier“, die im kommenden April stattfinden wird. Insgesamt zwölf Konzerte wird Westernhagen in kleineren Hallen spielen, weil er nach eigener Auskunft die intime Nähe zum Publikum sucht. Der besondere Clou: Damit das Publikum die Stücke vorher nicht kennt, wird die zur Tournee zugehörige Platte erst am letzten Tag, beim Berliner Konzert am24. April 2014 in der Columbiahalle, veröffentlicht!

Die Erläuterung dieses Vorhabens unternahm Marius Müller-Westernhagen im Gespräch mit dem Konzertveranstalter Professor Peter Schwenkow. Während der Künstler ein graublaues Hemd, eine dunkelgraue Weste, einen graubraunen Hut und eine violette Sonnenbrille trug, trug der Veranstalter ein graues Sakko, ein weißes Hemd und graue Haare und kaute während des Gesprächs unablässig leicht schmatzend auf einem Kaugummi herum. Ich persönlich wurde von meiner Mutter ja dahingehend erzogen, dass man so etwas in der Öffentlichkeit eher nicht tut, weil es ein Ausdruck von Unhöflichkeit ist, doch als Professor und Chef kann man sich das wohl erlauben.

Ergänzend zur Tourneevorstellung und passend zum gediegenen Kaminzimmerambiente mit prasselndem Feuer und flackernden Kerzen unterbreitete Marius Müller-Westernhagen zum Schluss des Gesprächs noch eine panoramatisch-kulturpessimistische Deutung der gegenwärtigen Popmusik; unter anderem ist er nämlich der Ansicht, dass es kaum mehr Musiker gibt, die sich für Musik interessieren, sondern lediglich dafür, wie sie sich am besten verkaufen, und dass im Musikgeschäft nur noch Erfolg zählt und nicht Qualität.
Das ist natürlich einerseits schon deswegen Unfug, weil populäre Musik, von der wir an dieser Stelle ja reden, per definitionem schon immer auf den kommerziellen Erfolg zielen wollte – sonst wäre sie nicht das, was sie ist, nämlich populär. Sowie andererseits darum, weil es in Wahrheit im Bereich des erfolgreichen wie auch in jenem des weniger erfolgreichen Pop noch nie so viel gute, inspirierte, mannigfaltig orientierte Musik gab wie heute. Man muss nur neugierig, offen und frisch genug sein im Kopf, um diesen Umstand wahrnehmen zu können. Augenscheinlich ist das aber unmöglich, wenn man sich das Gehör seit dreißig Jahren mit ödem Bahnhofskneipenboogie verkleistert.

Doch lassen wir das. Am Donnerstag (31. Oktober, 19.30 Uhr) beginnt im Haus der Berliner Festspiele wieder das Jazzfest Berlin. Eröffnet wird es mit einem Auftritt von Joachim Kühn und Pharoah Sanders. Letzterer spielte schon auf den letzten Platten John Coltranes und brachte 1969 mit „Karma“ eines der Hauptwerke der spirituellen Jazzmusik heraus. Hören Sie „The Creator Has A Masterplan“, es gibt auf der Welt kaum ein schöneres Stück! In den letzten Jahren schien ihn der Spirit indes eher verlassen zu haben. Mit äußerstem Grausen erinnere ich mich an den Auftritt, den Sanders vor genau zehn Jahren, im Oktober 2003, im Tränenpalast absolvierte: ein planlos veralbertes Herumgetute mit weitgehend witzfreiem Scatgesang, wie gemacht für den beim Jazzhören gern schmunzelnden Studienrat aus Lichterfelde. Schlimm! Aber beim Jazzfest reißt Pharoah Sanders sich sicher noch einmal zusammen und beglückt uns mit einem sehr guten Konzert.

Überaus überrascht war ich beim Hören von „Everlast“, dem Debütalbum von Perera Elsewhere. Dabei handelt es sich um das neue Projekt von Sasha Perera, die man bislang vor allem als Sängerin von Jahcoozi kannte, einer eher mäßig interessanten Ragga-trifft-Beats-und-HipHop-und-dies-und-das-Multikultur-Unternehmung. Auf „Everlast“ singt sie nun aber mit der schönsten und wärmsten Soulstimme zu schleifenden Rhythmen, schubbernden Grooves und untertourig schnurrenden Bässen; falsettierende Männerstimmen umgurren sie und verschwinden wieder im Ungefähren; es gibt dumpf geklöppelte Holzperkussion zu hören und knurzende Kontrabassminiaturen; irgendwo in den Wipfeln zwitschert ein Computervogel: quiek-quak. Ganz toll! Und sicher auch im Konzert ein Erlebnis, wie alle, die noch neugierig und frisch genug sind im Kopf, am kommenden Dienstag (5. November, 21 Uhr) in der Berghain Kantine überprüfen können.

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