Gib mir vollveganes Food mit einer Botschaft

Am Ende des Tages stand ich dann doch recht beglückt auf der Terrasse eines alten Güterbahnhofsgebäudes in Moabit und ließ meinen Blick in die warme Nacht schweifen, während ein paar Meter weiter sich ein paar dunkle Gestalten an Tastengeräten, Saiten- und Blasinstrumenten für eine Krach-, Kreisch- und Tut-Gruppenimprovisation fertig machten. Von der Terrasse hatte man einen hervorragenden Blick auf die Verwaltungs- und Speichergebäude des Westhafens; sanft glitten S-Bahnen und Fernverkehrszüge vorbei; auf der weiten dunklen Fläche zwischen dem Güterbahnhofsgebäude und dem Hafenbecken zirpten die Grillen, was man natürlich nur hörte, wenn die dunklen Gestalten auf der Terrassenbühne nicht gerade etwas improvisierten.

Es war die Nacht zum Sonntag, und bei den dunklen Gestalten handelte es sich um das Berliner Noise Orchestra um Reinhold Friedl und den in dieser Zeitung schon vielgelobten Improv-Gitarristen und Soundkünstler Dirk Dresselhaus alias Schneider TM. Während sie spielten, konnte man auf der weiten dunklen Fläche vor dem Westhafen ergänzend der japanischen Tänzerin Tomoko Nakasato zwischen drei locker im Nachtwind wehenden, von Videoprojektionen beflackerten Planen bei einer Solochoreografie zusehen; das war dann schon ein magischer Moment.

Das Konzert gehörte zum zweitägigen Sommercamp der Aufladetechnischen Konferenz, das Schneider TM und sein unter anderem von den Einstürzenden Neubauten bekannter Kompagnon Jochen Arbeit in dem ehemaligen Moabiter Güterbahnhof veranstalteten; seit dem letzten Jahr ist das Gebäude zu einem „Zentrum für Kunst und Urbanistik“ mit Galerien, Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen umgebaut worden. Später in der Nacht konnte man etwa noch Jochen Arbeit und Hopek Quirin im Keller des Hauses beim Improvisieren zuhören, auch gab es komische Filme mit elektronischer Musik zu betrachten und lecker Schaschlik vom Grill. Gut!

Und umso schöner, als der Sonnabend für den popkulturbefassten Berichterstatter so gar nicht gut angefangen hatte, nämlich mit dem – allein dieser Name schon, stöhn – „Casting Carree“ betitelten Open-Air-Fest im ehemaligen Trendbezirk Prenzlauer Berg. Zwischen einigen Bratwurst-und-Nackenkotelett-Buden und sehr vielen Vollveganes-Food-mit-einer-Botschaft-Etablissements drängten sich einerseits Horden von schlecht angezogenen Hipsterdarstellern sowie andererseits Horden von Touristen auf der vergeblichen Suche nach echten Hipstern in gleichermaßen gelangweilter Weise durch die Kastanienallee und die Oderberger Straße. In einem Bretterverschlag vor der Feuerwehrwache legte ein einsamer DJ repetitive Musik auf, ohne dass ihm dabei irgendjemand zuhörte – nicht einmal Kinder -; am entgegengelegenen Ende der Oderberger Straße war eine Bühne aufgebaut, auf der Nachwuchsbands tristen Indierock herunterholzten. Bei Einbruch der Dämmerung spielte Dr. Motte in dem Bretterverschlag vor der Feuerwehr unter fortgesetzt aufdringlichem Armwedeln ein Techno-Set, das wie durch eine Raum-Zeit-Verkrümmung direkt aus dem Jahr 1993 in die Gegenwart gefallen zu sein schien, dazu wurden Ilja Rogoff Knoblauchdragees gereicht. Falls es noch eines Beweises für die vollständige Schaffenskrafts-, Hirn- und Lebendigkeitsschmelze im Prenzlauer Berg bedurft haben sollte, wurde er mit diesem bizarren Event in befriedigender Weise erbracht.

Ganz anders, nämlich viel toller wird sicher auch in diesem Jahr wieder das Torstraßenfestival, das am kommenden Wochenende rund um die Torstraße in Mitte stattfindet. Das Beste an diesem Straßenfest ist dabei schon mal, dass es nicht auf der titelgebenden Straße stattfindet, sondern in den immer noch erstaunlich vielen Clubs drumherum, zum Beispiel im Kaffee Burger, dem Schokoladen und der Volksbühne. Auf diversen Bühnen sind am Sonnabend (31. August, 14 bis 22 Uhr) unter anderem Zentralheizung of Death, Patric Catani, The/Das und Nadine and the Prussians zu sehen. Bereits am Freitag gibt es im Ackerstadtpalast (Ackerstr. 169/170, ab 19 Uhr) ein geselliges Nachbarschaftstreffen mit Politikern, Clubbetreibern und Künstlern, anschließend werden David Strauss vom ExBerliner Magazin und der Betreiber meines Lieblings-Blogs No Fear of Pop, Henning Lahmann, als DJs wirken.

Ein Höhepunkt des Musikprogramms am Sonnabend ist zweifellos der Auftritt des Ein-Mann-Diskurspop-Ensembles Erfolg (15 Uhr, Ackerstadtpalast); dabei handelt es sich um den Multiinstrumentalisten, Denker und auch aus dieser Zeitung bekannten Autor Johannes von Weizsäcker. Checken Sie im Web sein Stück „Mausmann“! Zum Ausklang des Tages empfehle ich dann einen Besuch in dem an Mitte grenzenden aktuellen Trendbezirk Wedding. In der total angesagten Smaragd Bar in der Prinzenallee legen nämlich Martin Hossbach und ich noch einmal die schönste Musik des vergehenden Sommers auf den Plattenteller. Beginn ist um 22 Uhr.

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