Herrlich, wie die Fransenbommelkappe hier kreist

Gelungener Start: Joachim Kühns Africa Connection und der Trompeter Christian Scott beim Jazzfest

Geht doch! Mit zwei sehr guten sowie rundum jugendlich erscheinenden Konzerten wurde am Donnerstagabend im Haus der Berliner Festspiele das Berliner Jazzfest 2013 eröffnet. Es gab klanglich schwer verschlickten Bluesrock zu hören  und lieblichen Soulgesang; aber auch Minimal-Techno-haftes Metallgeklapper von einem marokkanischen Headbanger-Paar und eine aus dem Maghreb stammenden Kastenholzlaute, die wie ein endlos geloopter House-Bass bedient wurde. Es schepperte und dröhnte und groovte und swingte, und gelegentlich war auch etwas zu hören, das man im weitesten Sinne als Jazz ansehen könnte.

Eingeleitet wurde der Abend von dem aus New Orleans stammenden Trompeter Christian Scott, der nicht nur durch sein vorzügliches Trompetenspiel zu begeistern verstand, sondern auch durch eine um den Hals gewundene Ringwulst,  die wie eine Schlange aussah. Auch ansonsten ist Christian Scott ein überaus gut aussehender Mann, er hat schon im Hollywoodkino neben George Clooney gespielt und als Fotomodell gewirkt. Seine Trompeten und Horne spielt er zumeist mit federnden Knien und seitlich geknickter Hüfte, dazu flicht seine Band ihm fabelhaft dichte Klangnetze: mit einem hektisch die Lagen wechselnden und dabei doch sonderbar in sich zu ruhen scheinenden Kontrabass und einem zärtlich gezwirbelten Schlagzeug; mit einer Gitarre, die meist nur wenige Licks in den Ensembleton zwickt und selbst, wenn sie sich gelegentlich zu Soli aufschwingt, angenehm unaufdringlich und unmaskulin wirkt.

„Stretch Music“ nennt Scott seinen eigenen Stil. Er will all die verschiedenen Traditionen, aus denen die Musik seiner Heimat besteht, zusammenführen und zugleich im Kontrast zueinander zur Erscheinung bringen. Im Verlauf des Konzerts gibt es darum auch noch ein erdiges Blues-Stück zu hören und eine Soul-Ballade, zu der Scotts Gattin Isadora Mendez in einem gezackten Superheldinnenkostüm singt. Als zweiter Gast kommt Richard Howell für zwei Stücke dazu, ein stämmiger Typ mit einem sehr kleinen Sopransaxofon, der in Sound und Bewegungschoreografie das genaue Gegenmodell zu Christian Scott bilden könnte: Auf seine Einsätze wartet er unbeweglich, mit den Füßen fest auf dem Boden, und drückt sich dann mit dem ganzen Körper in sie hinein. So schwingt das Ensemble auf der Bühne von oben nach unten und von unten nach oben zugleich, und doch finden alle in der erstaunlichsten Weise zueinander.

Der zweite  Teil des Abends gehört Joachim Kühn und seiner Africa Connection. Selbige besteht einerseits aus einem gut eingespielten Trio mit Kühn am Piano, dem Schlagzeuger Ramón López und dem  Gimbri- und Oud-Spieler Majid Bekkas sowie andererseits aus vier afrikanischen Musikern, die auf Kongas und Talking Drums trommeln sowie mit Karkabous – einem Beduineninstrument, das aus zwei verbundenen Eisenbecken besteht und mit dem Daumen bedient wird – monoton klappernde, geradezu Trance-Techno-hafte Rhythmen erzeugen. Großartig! Und das nicht nur, weil die beiden Karkabou-Spieler ihre Köpfe mit tollen Franselbommelkappen bedecken und durch wildes Kopfkreisenlassen die Bommeln wie Rotoren bewegen. Großartig ist vor allem, wie die stoische Rhythmik sich mit den melodischen Läufen von Kühn verflicht – und mit dem Saxofonspiel des Gasts Pharoah Sanders, den ich lange schon nicht mehr so lyrisch und unprätentiös gehört habe wie an diesem Abend; geradezu demütig fügt er sich in den Ensembleklang.

Interessant ist der Auftritt auch, wenn man ihn mit den zahlreichen Versuchen der letzten Jahre vergleicht, afrikanische Rhythmen mit elektronischer Musik zusammenzuführen, etwa mit Techno und Dub; man denke an die Projekte von Mark Ernestus oder an die Congotronics-Konzerte im Haus der Kulturen der Welt. Derlei Veranstaltungen verließ man meist mit einem eher unguten Gefühl von Exotismus und erzwungenen Verwandtschaftsverhältnissen. Kühn hingegen hat mit seinen Musikern eine gemeinsame Sprache gefunden, eine gemeinsame Tradition, aus der nun alle virtuos schöpfen. So frisch, unangestrengt polyphon und modern hat schon lange kein Jazzfest mehr begonnen.

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