Wenn die Schornsteinfegerin kommt

Fleetwood Mac musizierten und plauderten in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof

Oldies but Goldies: Das war wieder das Motto, als die britisch-kalifornische Softrock-trifft-Blues-Gruppe Fleetwood Mac am Mittwoch in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof zum dritten Mal in zehn Jahren ein Reunion-Konzert absolvierte; drei Stunden lang spielten sich Mick Fleetwood, John McVie, Lindsey Buckingham und Stevie Nicks durch ihr Repertoire, wobei der Schwerpunkt wie stets auf den drei Alben „Fleetwood Mac“, „Rumours“ und „Tusk“ aus der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre lag. Erotik und Leidenschaft bestimmten den Abend. Als beispielsweise kurz vor Beginn des Konzerts eine nur mit Mieder und Strapsen bekleidete blonde Irokesenfrisurträgerin durch die Sitzreihen im Innenraum lief, zückten viele von den dort zu Tausenden untergebrachten übersechzigjährigen Fleetwood-Mac-Freunden simultan ihre Mobiltelefone, um die Erscheinung zu fotografieren, und zwar insbesondere jene männlichen Fleetwood-Mac-Freunde, die nicht in Begleitung ihrer übersechzigjährigen Ehefrauen erschienen waren. Viele von ihnen stießen beim Fotografieren auch spitze Pfiffe hervor, manche ließen die Mobiltelefone in ihren Herrenhandtaschen verschwinden und liefen der Irokesenfrisurträgerin hinterher.

Das Konzert begann dann wenig später mit drei Stücken von der „Rumours“-LP, „Second Hand News“, „The Chain“ und „Dreams“. Die aus Großbritannien stammenden Mitglieder der Band, Mick Fleetwood und John McVie, hatten sich wie stets in weiße Hemden und schwarze Westen gekleidet und sahen damit aus wie zwei Karl Dalls; der mit seinen 64 Jahren immer noch beneidenswert gesichtsstraffe Lindsey Buckingham kraulte seine kleine rote Gitarre in einem Funktionsanzug; Stevie Nicks trug ein schwarzes Kleid und ein Tambourin mit bunten Bändern daran, auf dem sie zwar keine hörbaren Töne erzeugte, das sie aber während der langen Soli von Buckingham kurzweilig zu schütteln pflegte. Später, bei dem Stück „Rhiannon“ von der „Fleetwood Mac“-Platte, kombinierte sie ihr Kleid mit einer glitzernd bestickten Fransenstola, ein vielseitig verwendbares Accessoire: Wenn emotionale Kälte symbolisiert werden sollte, zog Nicks sich die Stola fröstelnd um den Hals; wollte sie liebevoll lockend erscheinen, hielt sie sich die Fransen vor das Gesicht und guckte wie durch eine Gardine hindurch.

Ein zweiter musikalischer Block war dem 1979er Album „Tusk“ gewidmet, das viele Fleetwood-Mac-Freunde wegen seiner teilweise elektronischen Instrumentierung und den das klassische Songformat gelegentlich überschreitenden Dramaturgien als äußerst wagemutig ansehen. Auch Lindsey Buckingham selbst ist dieser Ansicht, wie er in einer etwa fünfminütigen Einführung in das Werk erklärte; er sei heute noch stolz darauf, wie wagemutig die Band damals gewesen sei; was daran liege, dass es sich bei ihnen eben um echte Künstler handle. Um den wagemutigen Charakter der Musik hervorzuheben, wurde sie von wilden Videoprojektionen begleitet, zum Beispiel von grünen geometrischen Mustern, die wackelten. Besonders begeistert war das Publikum von dem Titelstück „Tusk“ mit seinem bis heute nicht abschließend ausgedeuteten Refrain: „Sag mir nicht, dass Du mich liebst / sag mir nur, dass Du mich willst / Stoßzahn“. Bei dem letzten Stück aus dem „Tusk“-Block, „Sara“, erhoben sich hingegen alle in der Reihe vor mir sitzenden Fleetwood-Mac-Freunde und strebten geschlossen dem Ausgang zu. Warum? Enthält es eine geheime Botschaft, die Eingeweihte zum Gehen drängt? Ist „Sara“ bei Fleetwood-Mac-Freunden derart unbeliebt, dass sie das Lied lieber nicht hören wollen? Es klärte sich bis zum Ende des Abends nicht auf.

Auch zwei bei den Fleetwood-Mac-Reunion-Tourneen bislang nicht aufgeführte Stücke gab es an diesem Abend zu hören: das neu komponierte „Sad Angel“ sowie „Without You“, ein Stück, das auf einem von Stevie Nicks im Jahr 1971 verfassten Text fußt und 1972 von Lindsey Buckingham komponiert wurde; es ging dann aber verloren, tauchte wieder auf und ging wieder verloren und konnte nun erst nach jahrzehntelangen komplizierten Irrungen und Wirrungen zur Aufführung gebracht werden. So kompliziert waren diese Irrungen und Wirrungen, dass Stevie Nicks in ihrer Ansprache vor Beginn des Stücks eine Viertelstunde brauchte, um sie zu rekapitulieren. Bereits nach etwa fünf Minuten Ansprache begannen die Fleetwood-Mac-Fans zu pfeifen und buhen, schließlich waren sie nicht hier, um sich Geschichten von früher erzählen zu lassen, sondern um Musik von früher zu hören.

Was gibt es noch zu berichten? Zu „Gold Dust Woman“ legte Stevie Nicks sich eine goldfarbene Stola um, was thematisch natürlich gut passte, doch finde ich, dass Gold sie auch ein bisschen blass wirken lässt. Zudem litt die Aufführung des Stücks darunter, dass Lindsey Buckingham es bald unter einem Pink-Floyd-esken Space-Blues-Solo begrub; auch kippte Nicks‘ Stimme, die in den vier Jahren seit ihrem letzten Berliner Konzert noch einmal deutlich an Kraft und Höhen verloren hat, hier wie dann insbesondere auch in ihrer eigenen Komposition „Stand Back“ zusehends in ein blechernes Quäken. Doch egal! Denn allein schon das bezaubernde Schornsteinfegerkostüm, in dem sie zum Abschluss des Hauptteils an diesem Abend „Go Your Own Way“ intonierte, hat uns für manchen Misston entschädigt.

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