Wie ein Prediger an einem zugigen Ort

Majical Cloudz in der Berghain-Kantine

Devon Welsh gebraucht sein Mikrofon nicht wie ein Rock- oder Popsänger, er umfasst es nicht mit einzelnen Fingern, sondern mit der ganzen Hand und hält es sich senkrecht und steif vor den Mund; auch käme er wohl niemals auf die Idee, es in einen Mikrofonständer zu stecken. Devon Welsh hält sein Mikrofon wie jemand, der eine Ansprache hält, eine leidenschaftliche Ansprache vor Leuten, die ihm eigentlich nicht zuhören wollen; wie ein Zeuge Jehovas, ein Prediger vom Veganerbund oder ein Mitglied einer leninistischen Splitterpartei. So wie er am Freitagabend auf der kleinen Bühne der Berghain-Kantine steht, könnte er auch an einer zugigen Ecke des Alexanderplatzes auf einer Holzkiste thronen und mit leiser, angespannter, aber die Angst überwindender Stimme seine Ideen zur Rettung der Welt oder zur Erschaffung einer gerechten Gesellschaft darlegen. Devon Welsh trägt eine Glatze, die den Haarschatten zeigt, und ein etwas zu weites weißes Kurzärmelhemd; wenn er singt, blickt er weder in das Publikum noch in das Mikrofon, sondern schräg auf den Boden, ins Nichts oder in sich hinein. Wenn Devon Welsh singt, singt er mit der schönsten und tapfersten, aber auch angstvollsten Stimme von seinen Gefühlen und Wünschen, Hoffnungen und Sorgen; er singt so unmittelbar, distanzlos und wahrhaftigkeitsselig, dass man vor ihm sofort fliehen möchte wie vor jedem Mann in einem zu weiten weißen Kurzärmelhemd, der gern über seine Gefühle spricht. Doch so stark und auratisch ist seine Präsenz, seine ungeschützte Distanzlosigkeit, dass sie einen dann doch umfängt und nicht mehr loslässt bis zum letzten Song.

Majical Cloudz heißt das Duo, in dem Devon Welsh singt; am Freitag ist er mit seinem Kompagnon Matthew Otto zum ersten Mal in Berlin zu erleben gewesen. Otto steht bei dem Auftritt – ganz emanzipierter Mann – an einem Bügelbrett, auf dem er freilich nicht bügelt, sondern allerlei elektronische Geräte abgelegt hat; er dreht an Knöpfen und schiebt Regler umher und begleitet die Selbstentblößung von Welsh mit simplen, manchmal sphärisch schwebenden, manchmal sich kinderliedhaft um sich selbst drehenden Melodien.

Majical Cloudz kommen aus Montreal, aus dem Umfeld der kanadischen Elektropop-Diva Grimes, zum ersten Mal konnte man sie vor anderthalb Jahren als Gäste auf der letzten Grimes-LP „Oblivion“ hören. Sie sind bei der gleichen Plattenfirma unter Vertrag, auch eint sie die Verbindung von einfachen elektronischen Mitteln mit charismatischem Gesang. Doch wo Grimes ihre Stimme mit den elektronischen Sounds immer wieder verschmilzt und bei ihren Konzerten knöpfchendrehend, singend und sich selbst modulierend die absolute Alleinherrschaft über ihre Musik erringt, ringen die Majical Cloudz unentwegt um ihre musikalische Mitte, um die rechte Distanz zueinander und zu ihren Hörern, um eine Nähe, die sie immer wieder verlieren und die sie dann, in den bewegendsten Momenten an diesem bewegenden Abend, umso glücklicher zurückgewinnen.

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