Zeit aus den Fugen

King Krule begeisterte im Magnet Club

Zwischendurch, für Momente, hat man schon immer wieder den Eindruck, in einer Körpervertauschungskomödie gelandet zu sein: „Body Switch Folge 13: Hilfe, ich bin ein 50-jähriger Sessionmusiker, der eines Morgens im Körper eines 19-Jährigen erwachte“. Auf der Bühne des ausverkauften Magnet Club stehen am Dienstagabend jedenfalls vier äußerst junge, äußerst ernste, äußerst gut angezogene Männer und spielen hoch konzentriert eine hoch komplexe Musik; rhythmisch ungerade, melodisch vertrackt, in ihren dramaturgischen Verläufen durchweg unvorhersehbar und überraschend. Dazu singt der jüngste und bestaussehende von den vier Männern – er kombiniert einen knallroten Haarschopf mit Sommersprossen und zwei bezaubernden Segelohren, die im Dunkeln zu leuchten vermögen – mit einer sehr alten, gegerbten und geriffelten Stimme. Manchmal singt er im Rhythmus seines Schlagzeugers und im Einklang mit den Melodien, die er selbst und ein Kompagnon auf ihren Gitarren spielen. Manchmal singt er aber auch konsequent an den Melodien und Rhythmen vorbei, als versinke er nun gerade wieder ganz in seinen sehr ernsten Gedanken; in den Geschichten, die er von früher erzählt; in den Erinnerungen an seine Londoner Jugend, die, wenn man nur der Stimme und den Liedern lauscht, seit Jahrzehnten vergangen scheint, aber wenn man den Körper dieses Knaben betrachtet, fraglos noch in vollster Blüte steht.

Archy Marshall heißt dieser erstaunliche Sänger, der sich in seiner aktuellen Inkarnation als King Krule bezeichnet. Gerade hat er ein erstaunliches Albumdebüt namens „6Feet Beneath the Moon“ herausgebracht (siehe Berliner Zeitung vom 23.8.); am Dienstag war er erstmals mit seiner Band in Berlin zu erleben. Auf dem Album herrschen Gesang, Gitarre und elektronisch erzeugte Beats vor; es klingt, als singe ein Liedermacher der älteren sozialrealistischen Schule – sagen wir: Billy Bragg, Ian Dury, Paul Weller – zu einer düster verlangsamten und verhallten Dubstep-Variation. Schon hier wehen von fern, wie im Dubstep insgesamt, Jazz- und Northern-Soul-Echos heran. Im Konzert treten diese Traditionen aus dem Echoraum hervor und beherrschen die Szene. Es gibt lange groovende Strecken nach Art von Style Council zu hören; immer wieder spielt die Band sich aus jazzhaft tastenden Improvisationen in einen Ensembleklang und lässt diesen – wenn es der Wirkung des Gesangs dient – auch sogleich wieder zerfallen.

Auf eine sonderbare, seltene, kostbare Weise ist das abstrakt und körperlich präsent, retro und spontan zugleich. So alt alles wirkt, wirkt es doch nicht veraltet, weil die Musik in eben diesem Raum, eben jener Sekunde gerade erst zu entstehen scheint. Das liegt an dem Wechselspiel aus Konzentration und Zerstreuung, aus dem sie ihre Dynamik gewinnt. King Krule beschwört keine Geister der Vergangenheit. Eher sind diese Geister in ihn gefahren und sprechen und singen nun aus ihm heraus. Seine Musik sei aus der Zeit gefallen, liest man oft. Stimmt aber gar nicht: Wie keine andere Musik im Moment, erschafft sie sich ihre eigene Zeit.

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