Blutjunge Beatbrüder basteln für Dich

Die tollste Pop-Entdeckung des Jahres: Disclosure im Postbahnhof
Was für eine Euphorie! Was für Bässe! Was für fabelhaft verschraubte hinternkickende Beats! Und was für herrliche Melodien: Das tollste Popkonzert, das ich in diesem Jahr bislang sehen durfte, fand am Sonntag im Postbahnhof statt; im ausverkauften Haus absolvierte das britische Popduo Disclosure seinen ersten großen Auftritt in Berlin.

In rasendem Tempo sind die Brüder Howard und Guy Lawrence in den letzten Monaten aus dem Halbdunkel des Tanzmusikuntergrunds ins Licht der  Hitparaden gestiegen. Kaum länger als ein Jahr ist es her, dass man auf sie aufmerksam wurde: als sie „Running“ remixten, eine der ersten Singles der gerade aufstrebenden Londoner Sängerin Jessie Ware. Aus der flott aufgeplusterten Ballade mit Gitarrenflauschsolo und wonniglich barmendem Soulgesang schufen sie ein kompliziert dahinstolperndes Techno-Stück, in dem die Stimme Jessie Wares, ihr Seufzen und Atmen, einerseits rhythmusgerecht splittrig zerschreddert wurde,  aber andererseits gerade  dadurch eine völlig neue Art von Groove gewann; ein tolles Stück, in dem sich die ganze Kunstfertigkeit der beiden Brüder schon in konzentrierter Form zeigte.

Und dabei sind sie so jung! Guy Lawrence ist 23 Jahre alt und Howard allen Ernstes nur 19. Als sie im letzten Dezember erstmals in Berlin als DJs im Berghain auflegten, waren sie nach Auskunft des Hauses die jüngsten Künstler, die dort jemals ans Pult gelassen wurden. Damit nicht genug: Sie waren auch die ersten, die zu diesem Zeitpunkt schon zwei Top-20-Hits zu verbuchen hatten. Womit der Gipfel des Erfolgs noch nicht erreicht war: Das Debütalbum „Settle“, das dann im Juni erschien, stand wochenlang auf dem ersten Platz der britischen Charts.

Und das ist das eigentliche Wunder an dieser Musik: wie avantgardistisch gebastelt sie ist; wie tief sie in den letzten beiden Jahrzehnten der Tanzkultur wurzelt; wie selbstverständlich und rücksichtslos gegenüber gängigen Popmusik-Formaten sich Disclosure im Verlauf des Abends immer wieder in langen minimalistischen Vierviertel-Beat-Strecken verlieren und  wie wild schädelknochenbedröhnend die Bässe dann plötzlich vibrieren und brummen wie in einem besonders lichtlosen Dubstep- oder Grime-Stück – und wie groß zugleich das Geschick der Lawrence-Gebrüder ist, aus all diesen Beats, Bässen und elektronischen Experimenten die schönsten und soulvollsten Popsongs zu erschaffen, die man sich vorstellen kann.

Man höre „White Lies“ mit Aluna Francis, der Sängerin des R’n’B-Duos AlunaGeorge – der zweiten großen britischen Pop-Entdeckung in diesem Jahr. Prächtig, wie ihre hysterisch sich emporschraubende Stimme von hohen Synthie-Bleeps und rückwärtslaufenden Rhythmen gleichermaßen getrieben und gebremst wird! Auch Jessie Ware ist auf dem „Settle“-Album wieder als Gastsängerin dabei: In „Confess To Me“ – im Konzert effektvoll unmittelbar vor dem „Running“-Stück aufgeführt – gelingt es ihr mit charakteristisch distanziertem Soul-Understatement, das heiße Treiben der Disclosure-Gebrüder für ein paar Momente abzukühlen und auf diese Weise sogar noch erotischer wirken zu lassen.

Auf der Bühne des Postbahnhofs sind all die Sänger und Sängerinnen, die das Album als Gäste bereichern, nur als gesampelte  Stimmen und schwarzweiße Zeichentrickköpfe auf einer Videoleinwand anwesend – wie auch ansonsten viel von der Festplatte kommt. Doch stört der Rückgriff ins Playback nicht in der mindesten Weise, so lebendig und schwungvoll bereichern Disclosure die vorproduzierten Sounds mit analogem und elektronischem Schlagzeugspiel aller Art, mit einer schön im Boden wühlenden Bassgitarre  und einem live in den Rhythmus geklimperten House-Klavier. Ob das nun ein Konzert ist oder ein erweitertes DJ-Set, ist ebenso egal wie die Frage, ob das nun Popsongs sind oder Dance-Tracks: Die Leute jubeln, tanzen und recken die Arme ohnehin während des ganzen Abends, auch interessante Stagediving-Variationen sind zu beobachten, junge Mädchen mit Dutten lassen sich in den vorderen Reihen niedlich zappelnd über die Köpfe tragen.

Ihr bestes Stück spielen Disclosure kurz vor dem Ende des Auftritts, „Help Me Lose My Mind“ mit der London-Grammar-Sängerin Hannah Reid. Weh, mit fast flehender Stimme bittet sie um Bewusstseinsverlust, um Entgrenzung, um Liebe. So färbt sich das  vitale Voranstreben der Beats einen Augenblick lang mit Melancholie; doch so gülden sind die Klänge, die den Gesang umglitzern, dass man die Hoffnung nicht verliert. Wer dazu jetzt tanzt, wird weiter so tanzen. Bis in den nächsten Morgen. Und noch lange darüber hinaus.

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