Die schönste Jahreszeit für anonymen Geschlechtsverkehr ist der Herbst

Heute zunächst wieder: Post von den Lesern. Herr Matthias Büdinger aus 10115 Berlin schreibt an die Redaktion: „Herr Balzer zitiert gerne genüsslich selbst-sabotierend in seiner Mittwochskolumne, welche ätzenden, aber auch positiven  Feedbacks seine Kritiken immer wieder einheimsen. Es tut mir jedes Mal weh, wenn ich lesen muss, wie verletzend diese Leser sein können, anstatt  einmal zu würdigen, welch phänomenales Fachwissen Balzer hat, nicht zu sprechen von seinem großartig ironischen Humor und der frech-liebenswürdigen ,Underground‘-Subversivität. Ich liebe seine Texte und wurde schon zu manch grandiosen Musikerlebnissen durch seine Expertise hingeführt, zum Beispiel zu King Krule. Vielen Dank, Jens Balzer. Hoffentlich lesen wir nicht irgendwann ,Der letzte Balzer‘.“

In einer Zuschrift von Herrn Klaus Assmann heißt es hingegen: „Hallo, Herr Balzer! ,Sowie andererseits darum, weil es in Wahrheit im Bereich des erfolgreichen wie auch in jenem des weniger erfolgreichen Pop noch nie so viel gute, inspirierte, mannigfaltig orientierte Musik gab wie heute.‘ Das haben Sie in einem Artikel über diesen Westernhagen geschrieben. Wenn Sie damit solche Trostpreise wie Bosse, Revolverheld, Jupiter Jones und wie diese blutleeren Schülerkapellen heißen gemeint haben, dann offenbart das lediglich ihre Ignoranz. Musikpolizisten wie Sie sind ebenso über- flüssig wie eine Flugzeughupe. Wiss frendlie grietings Klaus Assmann.“ Vielen Dank!

Und was ist sonst so los in der uns umgebenden Welt? Das Jahr neigt sich beträchtlich dem Ende entgegen, faulige Blätter fallen von knorrigen Bäumen und vermengen sich mit dem auf der Straße liegenden Hundekot, es wird Zeit für besinnliche Einkehr und die ersten Rückblicke. Was waren die tollsten, interessantesten, schlechtesten und meistüberschätzten Platten des Jahres? Nun. Mag es für ein abschließendes Urteil auch noch zu früh sein, was man sicher schon sagen kann: Die tollste Platte des gerade ablaufenden Jahres, die sich mit den Vorzügen und Nachteilen anonym ausgeführten Geschlechtsverkehrs befasste, ist „Obsidian“ von Will Wiesenfeld alias Baths! Sie erschien zwar schon im Frühjahr, doch erst jetzt, wenn die Tage kürzer, dunkler und deprimierender werden, entfaltet sie ihre ganze spaß- und lebensfeindliche Wucht. Zu knirschendem Geknacker und kaltem Elektro kündet Will Wiesenfeld mit zerquälter Stimme von Ekel, Selbsthass, Sex ohne Liebe und genereller Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt. In jeder einzelnen Sekunde seiner zehn neuen Songs kann man diesen anhören, dass sie während einer lebensbedrohenden Infektion mit Kolibakterien entstanden, wegen der Wiesenfeld monatelang bettlägerig war. Er konnte nichts essen und auch sonst nichts tun außer sich gedanklich seiner sehr schlechten Laune zu widmen. Darum tragen seine Stücke nun Titel wie „Worsening“, „Miasma Sky“ oder „Earth Death“; wirklich heiter wird die Stimmung lediglich in dem Song „No Eyes“ über – ich erwähnte es schon – anonym ausgeführten Geschlechtsverkehr: „It is not a matter of if you mean it / But it is only a matter of come and fuck you.“ Am nächsten Freitag, den 8. November, spielt Baths mit Dam Mantle und Freddy Knop bei der M:Soundtrack’s Birthday Party  im ://about blank; Beginn ist um 20 Uhr.

Apropos schlechte Laune: Eine solche erhält man als halbwegs geschmacksbegabter Charakter auch bei der Musik der oberbayerischen Pop-trifft-Blasmusik-Kapelle La Brass Banda, die zeitgleich mit Will Wiesenfeld  am Freitag, den 8. November, um 20 Uhr in der Columbiahalle auftritt. Grauenhaft, wie diese zwangslustigen Typen in Lederhosen ihre Humptatalieder mit Ska-Bläsern aufzumotzen versuchen und mit irgendetwas, das sie für Techno-Beats halten. Und dann auch noch glauben, dass, weil sie „die Volksmusik in die Gegenwart holen“, sie den Pop damit im Ganzen von der Geißel der alles nivellierenden Globalisierung erlösen. Nivellierende Globalisierung mag ihre Nachteile haben, aber wenn sie uns solchen musikalischen Blödsinn erspart, bin ich vorbehaltlos dafür.

Vorbehaltlos bin ich auch für die Musik der großen misogynen Singer-Songwriterin und herrlich hektischen Haarezerzauserin Scout Niblett, die ebenfalls am Freitag um 20 Uhr – ist mal wieder ganz schön viel gleichzeitig los in der Stadt – im Privatclub auftritt; dieses Konzert ist allerdings bereits ausverkauft. Keinesfalls verpassen sollten Sie zudem am heutigen Mittwoch, den 6. November,  den „Certain-People“-Abend im Berghain (ab 20 Uhr). Neben dem Auftritt des garantiert globalisierungskritischen Kölner Italo-Disco-Erneuerers Roosevelt lohnt vor allem das Konzert der Band SOHN den Besuch: gefühlvolle Männermusik mit komplex zusammengeknittelten Beats! Ergänzend legt der bescheidene Verfasser dieser Kolumne herbstliche Tanzmusik auf den Teller. Das wird schön.

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