Dem warmen Barmen fehlten die Beats

London Grammar debütierten im Grünen Salon

Hier eine weitere Frage für den bevorstehenden Jahresrückblick „Popmusikalische Probleme und ihre Lösungen 2013“: Warum wollen eigentlich plötzlich alle „Wicked Game“ covern? Das schummrig beleuchtete Schmachtstück des alten Schmalztollenträgers Chris Isaak  tauchte zuletzt nicht nur in den Programmen von Lana Del Rey, Pink und Deadmau5 auf, sondern erfreut sich gerade auch bei jungen Sängerinnen aus dem Gefilde der elektronischen Musik besonderer Beliebtheit. Die Berliner Techno-Produzentin Emika hat es auf ihrem aktuellen Album „DVA“ interpretiert, mit künstlich klackernden Beats, aber komplett authentischem Ahuhuuu-Countrygejodel;  und  auch das aus dem Post-Dubstep stammende britische Trio London Grammar beendete am Dienstag sein erstes Berlin-Konzert mit „Wicked Game“.

London Grammar gehören zu den meistgefeierten Nachwuchs-Bands der Saison, vor dem ausverkauften Grünen Salon standen noch große Gruppen von Leuten mit Schildern, auf denen sie um Karten baten, vergeblich. Ähnlich wie The XX oder James Blake, verbinden sie minimalistische Songdramaturgien mit leise intonierten, doch gerade in dieser Beschränkung überaus eindrucksvollen Melodien. Die Sängerin des Trios, Hannah Reid, tauchte bereits in diesem Sommer als Gast des an dieser Stelle ausgiebig bejubelten Produzentenduos Disclosure auf: In dem Stück „Help Me Lose My Mind“ barmte und hauchte sie schön melancholisch gegen einen unbeirrt voranschreitenden Beat.

Auch auf dem gerade erschienenen London-Grammar-Debüt „If You Wait“ sind die schönsten Stellen wiederum  jene, an denen der gefühlvolle Gesang von mechanischen Rhythmen kontrastiert wird, etwa in dem grandiosen „Stay Awake“ oder in „Metal & Dust“. Doch leider: Das Konzert im Grünen Salon absolvierte Reid mit ihren Mitmusikern Dot Major und Daniel Rothman fast ganz ohne digitale  Gerätschaft. Es dominierten Gitarre und Bass mit einem mäßig beweglichen, meist nur ornamentalen Spiel: Über weite Strecken wirkte das Trio dadurch wie eine Indierockgruppe, die sich musikalisch ganz auf ihre Sängerin verlässt.

So bezaubernd Reid aber zu singen vermag und so charismatisch sie den Raum auf der Bühne füllt – wenn ihr warmes Flehen nicht wenigstens an ein paar dramaturgisch bedeutsamen Stellen herausgefordert und abgekühlt wird und wenn die generell heruntergedimmte Stimmung der Songs nicht wenigstens manchmal durch ein paar Beats an Tempo und Orientierung gewinnt, überwiegt bald der Eindruck gefälliger Gediegenheit.

Da wirkt dann auch „Wicked Game“ – am Ende des knapp einstündigen Auftritts in der einzigen Zugabe dargeboten – nicht mehr wie ein Song, den man sich im Bewusstsein seiner ja eigentlich unerträglichen Schmalzigkeit anzueignen versucht, sondern wie eine musikalische Folie, von der widerspruchslos abgepaust wird. Oder sagen wir so: Nach dem herausragenden Albumdebüt haben London Grammar sich für ihre Bühnenauftritte noch einige Entwicklungsmöglichkeiten offen gelassen.

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