Entschlackt und chakramäßig gereinigt

Auch in dieser Woche wird unsere Stadt wieder von einem bedeutenden musizierenden Bartträger beglückt! Es handelt sich um den amerikanischen Singer, Songwriter, Gitarren-Waldhörner-Laptops-und-alles-mögliche-andere-Bediener Justin Vernon, den das fortschrittlich interessierte Popmusikpublikum zuletzt vor allem als Betreiber der Gruppe Bon Iver kennenlernte. In selbiger bot er auf zwei Platten seit 2007 recht rustikale Folkkompositionen mit weltabgewandt-melancholischem Gesang dar, wobei er – das war das Gute daran – die triste Pose des weltabgewandt-melancholischen Sängers mit Bart durch den konsequenten Einsatz von Autotune und anderen elektronischen Mitteln zur Manipulation der eigenen Stimme zu unterlaufen verstand.

Vielleicht könnte man sogar sagen, dass Justin Vernon der Gründervater der aktuellen Autotune-Welle im Autoren-Pop war! Jedenfalls duettierte er seither zum Beispiel mit James Blake und beförderte nach Kräften die Karriere von Channey Leanagh und Poliça; auf deren aktuellem Album „Shulamith“ ist er ebenso als Gastsänger zu hören wie auf dem irrsten HipHop-Großwerk des ablaufenden Jahres, „Yeezus“ von Kanye West. Was nicht heißt, dass Justin Vernon nicht auf der Konzertbühne auch eine ganz konventionell-kompetente Folkrock-Show aufführen könnte. Wer Bon Iver vor zwei Jahren in der Columbiahalle gesehen hat, wird für diesen Abend noch heute die wärmsten Gefühle hegen; und mit seiner zweiten Band Volcano Choir, mit der Vernon am Donnerstag, den 14. November, um 20 Uhr im Huxleys auftritt, folgt er noch deutlicher den Traditionen althergebrachter Gitarrenmusik. Autotune oder Vocoder gibt es bei Volcano Choir nur an vereinzelten Stellen zu hören. Dafür knödelt sich Vernon zu besonders ausgefeilten Akkordprogressionen so konsequent ins Falsett, dass man sich zwischenzeitig auf einer frühen Genesis-Platte mit Peter Gabriel wähnt. In dem Stück „Alaskans“ kann man ergänzend noch aus der Konserve die Stimme von Charles Bukowski hören; er rezitiert ein Gedicht, das davon handelt, dass er mit einer ihm fremden Frau unter der Dusche steht und sich ausgiebig den Hodensack seift.

Gut abgeseift und ordentlich angezogen: So und nicht anders erhält das Publikum am kommenden Dienstag, den 19. November, Einlass zum Konzert der Reflektors im Astra Kulturhaus. Wie für bisher sämtliche Konzerte dieser kanadischen Bombastrock mit haitianischer Voodoomusik verbindenden Band gilt auch für den Berliner Auftritt strikter Abendgarderobenzwang. Die Reflektors selber pflegen zu ihren Konzerten in weißen Stretchlimousinen zu fahren und sich vor dem Aussteigen aus diesen überdimensionierte Pappmascheemasken über die Köpfe zu ziehen. Sie finden das albern, liebe Leser? Viele andere Menschen finden das toll! Das Konzert im Astra Kulturhaus war jedenfalls binnen weniger Minuten ausverkauft. Was auch daran liegen könnte, dass es sich bei den Reflektors in Wahrheit um die allseits beliebte Band Arcade Fire handelt, die nach einer offensichtlich tief greifenden Identitätskrise gerade ein zwar nicht herausragendes, aber ordentliches neues Album namens „Reflektor“ herausgebracht hat.

Sehr gut gefällt mir wiederum „John Wizards“, das Debüt der südafrikanischen Gruppe John Wizards. Letztere besteht im Kern aus dem ursprünglich aus Ruanda kommenden Sänger Emmanuel Nzaramba und dem Kapstadter Produzenten John Withers. In den insgesamt fünfzehn Songs auf ihrem Album verbinden sich nicht nur europäische und afrikanische Musik, Walzer-Rhythmen und dschengelnde Hi-Life-Gitarren, Dub-Reggae-Echos und falsettierender R’n’B-Gesang – sondern all diese Stile und Traditionen kommen auch so zwanglos und sacht zueinander, dass man gar nicht das Gefühl erhält, dass hier etwas zusammenkommt: ein steter, ruhiger Fluss aus Beats und Ideen, eine überaus entspannte, aber keineswegs schlaff wirkende Band. Am Donnerstag, den 14. November sind John Wizards erstmals in Berlin zu erleben: um 21 Uhr in der Berghain Kantine.

Am allerneuesten Trend in der aktuellen Ausgehkultur können Sie dann noch am Sonnabend, den 16. November, ab 24 Uhr im Chesters in der Glogauer Straße teilhaben: buddhistisch inspirierte Techno-Musik, zu der man auch Yoga-Übungen machen kann! „Aura 4 Everyone“ heißt die Debüt-EP der tibetisch-schweizerischen Produzentin Aïsha Devi: Darauf finden sich vier dunkle, wohlig-weiche, durchweg tanzbare Tracks (und zwei Remixe), nach deren Genuss man sich in hervorragender Weise körperlich entschlackt und chakramäßig gereinigt fühlt. Das Danse-Noire-Label, das Aïsha Devi in Genf betreibt, zählt fraglos zu den interessantesten Neugründungen des Jahres. Beim Label-Abend im Chesters wird nicht nur sie selber zu sehen sein; außerdem stellt das schweizerisch-französische Ensemble Vaghe Stelle seine Platte „Out of Body“ vor, und der italienische Produzent Lorenzo Senni alias Stargate spielt etwas, das er dissonante Trance-Musik nennt. Von hier aus schon mal ein herzliches „Om“! Und bis nächste Woche.

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