Jutebeuteltragender Individualisten-Mainstreamer!

Heute zunächst wieder: Post von den Lesern und Leserinnen. Nelli Tügel aus Berlin schreibt: „Dieser Bart! Seit den Tagen Anfang der 90er, da ich jedem New Kid on the Block vor dem Einschlafen einen Gute-Nacht-Kuss gab (Poster überm Bett), habe ich nicht mehr so warme Fangefühle für jemanden gehegt, wie in letzter Zeit für Jens Balzer. Dabei stellte das Foto mit Unfrisur und Anti-Ring eine wichtige Projektionsfläche für meine schwärmerischen Fantasien vom letzten großen Musikkritiker, -kenner und -liebhaber dar.  Und dann das. Ein Vollbart! Das Lieblings-Gesichtsaccessoire der Jutebeutelträger-Individualisten-Mainstreamer. Kaum gesehen, schon bilde ich mir ein, eine gewisse lähmende Anpassungstendenz an die von der Leserschaft aufgestellten (durch wahnsinnig gute Texte evozierten) hohen Erwartungen (witzig, unkonventionell, sprachgewandt…) aus den jüngst geschriebenen Zeilen herauszulesen. Hoffentlich irre ich mich, und die Inszenierung des Vollbarts ist nicht der Vorbote des Stillstands. Es wäre zu schade, denn Balzers   Kleinkunstwerke würde ich schwer vermissen.“

Nun zu den Popkonzerten der kommenden Tage. Zu den zweifellos größten Enttäuschungen des Jahres zählte „Bankrupt!“, das fünfte Album der bislang doch recht munter wirkenden Pariser Disco-Rock-Gruppe Phoenix. Unvergessen ist ihr 2009er-Werk „Wolfgang Amadeus Phoenix“ mit dem „Lisztomania“-Hit: tolle Melodie! Charmante Beats! Und herrlich pubertäre Schweinerockriffs! Eine Platte, die  bis heute auf keiner universitären Erstsemesterfeierlichkeit fehlen darf. Doch ach, auf dem neuen Werk wollten  sich Phoenix nach eigener Auskunft nun an „experimentelleren Formen“ des Pop ausprobieren, was schon manche charmante Disco-Rock-Gruppe gleich welcher Nationalität in den künstlerischen Ruin getrieben hat. In diesem Fall versteht man aber nicht einmal, worin die Experimente bestehen. Eventuell könnte man das Titelstück als experimentell bezeichnen, weil es mit länglich dahinplätschernden Keyboard-Arpeggien nach Art des jungen Jean-Michel Jarre beginnt, um den nach zwei Dritteln einsetzenden Gesang dann mitten in einer Strophe lakonisch auszublenden. Falls sich darin ein Verständnis von Avantgarde manifestiert, erscheint es mir jedoch eher naiv. Ansonsten verbinden Phoenix auf „Bankrupt!“ vor allem Gitarrenriffs mittlerer Kräftigkeit mit produktionstechnisch überzüchteten Synth-Melodien.  An mehreren Stellen – etwa im Eröffnungsstück „Entertainment“ – gibt es pseudo-asiatisch leiernde Orchester-Samples zu hören, wodurch die Musik eine ironische Note erhalten soll; in dem Song „SOS in Bel Air“ singt Thomas Mars mit sich selber im Kanon, während die dazu abgerufenen Keyboardsounds in eher unironischer Weise an den Hitparadenpop der mittleren Achtzigerjahre erinnern. Ganz schön öde! Wenn Sie sich das trotzdem im Konzert ansehen wollen: Am Donnerstag, dem 21. November um 20 Uhr, treten Phoenix in der Columbiahalle auf.

Auch nicht so gut finde ich das kalifornische Duo Deap Vally, dessen Debütalbum „Sistrionix“ zu den großen Hypes dieses Frühjahrs gehörte. Zu fies verzerrtem Fuzzrock beschwören Lindsey Troy und Julie Edwards die Liebe, das Leben und die universale Harmonie; mit Schlagzeug, Gekreisch und Gitarre wiederholen sie den allseits beliebten Black-Keys- und White-Stripes-Blues-Bratz-Minimalismus im Format des Mädchen-Rock-Duos. Das ist ein paar Momente lang aufregend in seiner Krachigkeit und Energie, auf Dauer in den musikalischen Mitteln aber doch zu begrenzt, um spannend zu bleiben. An den besseren Stellen singt und schreit Lindsey Troy durch die gleichen Effektgeräte, durch die sie auch ihre Gitarre verzerrt, und ergibt sich ganz der rohen Kraft der Elektrizität. An den schlechteren Stellen – und sie sind in der Mehrzahl – überwiegt ein Hang ins simpel Rockröhrenhafte; dann schwebt der ungute Geist von Suzi Quatro über den Songs. Am Sonntag, dem 24. November, um 21 Uhr, spielen Deap Vally im Magnet Club.

Uneingeschränkt empfehlen kann ich hingegen unsere kleine Popkritik-Show im Roten Salon der Volksbühne: Am Dienstag, dem 26. November, um 21 Uhr heißt es wieder „Livekritik und Dosenmusik“! Zu Gast bei Tobi Müller, Sebastian Zabel und mir ist dann die Berliner Rapperin Sookee, die auf hervorragenden Alben wie „Bitches, Butches, Dykes & Divas“ wieder feministisches Bewusstsein in den sexualpolitisch – sagen wir mal – sonst nicht sonderlich avantgardistischen deutschen Sprechgesang gebracht hat. Ein  lehrreicher und lustiger Abend kündigt sich an! Und wenn wir Glück haben, wird Sookee am Ende sogar für uns rappen.

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