Loben wir die Planeten, was wären wir ohne sie?

43 Jahre nach ihrem Debüt erstmals auf einer deutschen Bühne: Die große Folksängerin Linda Perhacs spielte in der Berghain Kantine


Gut Ding will Weile haben; aber selten nur währt diese Weile so lang wie hier. Den dauerhaften Rekord in entschleunigter Karrierebildung hält zweifellos die kalifornische Sängerin Linda Perhacs: 43 Jahre nach  ihrer ersten und bisher einzigen LP „Parallelograms“ war sie am Montag zum ersten Mal auf einer deutschen Bühne zu sehen.

„Parallelograms“ ist ein Hauptwerk des psychedelischen Folk, ebenbürtig neben den frühen Alben von Laura Nyro und Joni Mitchell; weit stärker noch als diese, lebt es dabei aus dem Kontrast von hippiehafter Naivität und technischem Avantgardismus. Das liegt daran, dass Perhacs ihr Geld zeitlebens  mit Dentalhygiene verdiente; als sie „Parallelograms“ komponierte, wirkte sie zugleich bei einem Zahnarzt in L.A. Dort pflegte sie nicht nur die Gebisse von Cary Grant und Paul Newman. Auch Leonard Rosenman kam regelmäßig zum Zungenputzen und zur Zahnzwischenraumreinigung vorbei, ein Komponist, der in den Vierzigern bei Arnold Schönberg studiert hatte und dann Anfang der Fünfziger von seinem Klavierschüler James Dean nach Hollywood vermittelt wurde; unter anderem schrieb er die Soundtracks für „Jenseits von Eden“ und „…denn sie wissen nicht, was sie tun“. Rosenman hörte sich eine Kassette mit den Perhacs’schen Liedern an und rief sie sogleich zu sich ins Studio; er besorgte ihr einen Plattenvertrag und stellte eine Band für sie zusammen. Vor allem aber versorgte er sie mit elektronischen Instrumenten: Mit deren Hilfe begannen Perhacs und er, aus den schlichten Folkmelodien fein ziselierte Soundskulpturen zu basteln. Sie modulierten die Stimme mit Hall und Filtern, ließen sie langsamer laufen und im Klangraum verwehen und vervielfachten sie zu Chören. Im Titelstück verschwindet Perhacs’ Gesang alsbald in einem düster hallenden inner space voller seltsamer Natur- und Mechanik-Geräusche, um aus diesem dann umso schöner und strahlender wieder hervorzutreten.

Eie zauberhaftes und zugleich zukunftsweisendes Werk, das, wie es zukunftsweisenden Werken öfter ergeht, zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung niemand hören wollte. Was auch daran lag, wie Perhacs später beklagte, dass die Plattenfirma den reichen Sound  nachträglich „radiofreundlich“ nivellierte; die fertige Pressung habe so furchtbar geklungen, dass sie die Platte nie wieder angehört habe.

„Parallelograms“ verschwand in der Versenkung, nicht einen einzigen Bühnenauftritt absolvierte Linda Perhacs dazu. Ihre musikalische Kariere war beendet, bevor sie begonnen hatte; in  den folgenden dreißig Jahren widmete sie sich weiter still und wohl auch zufrieden der Zahnhygiene. Dass aus dem Album in den Neunzigern ein Liebling der nachgewachsenen Psychedeliker und Folkies wurde und Sammler es zu fantastischen Preisen handelten, bemerkte Perhacs nach eigener Auskunft erst, als 1998 eine CD-Version erschien. Daraufhin wuchs ihr Ruf bei der jüngsten Pop-Generation noch weiter, Animal Collective empfahlen sie ihren Fans, Devendra Banhart lud sie als Gastsängerin ein, Daft Punk nahmen ihr Stück „If You Were My Man“ in den Soundtrack zu ihrem „Electroma“-Film.

Vor allem aber die Schule der neuen voice processing girls fand in Perhacs ein Vorbild: Julia Holter und Nite Jewel – die selber kammermusikalische Lieder mit elektronisch manipuliertem Gesang verbinden – nannten sie nicht nur als große Inspiration, sondern begleiteten sie auch in ihrer Band, als Perhacs 2010 in Los Angeles erstmals überhaupt ein Konzert gab. Auch auf ihrem neuen Album „The Soul of All Natural Things“ werden sie zu hören sein  – es soll im Frühling erscheinen, 44 Jahre nach dem Debüt.
43 Jahre nach ihrem Debüt steht Linda Perhacs nun also am Montag auf der Bühne der ausverkauften Berghain Kantine; das Konzert eröffnet die erste Tournee, die sie überhaupt jemals jenseits ihres Heimatlands absolviert. Begleitet wird sie von einem Gitarristen, zwei Sängerinnen und ihrem aktuellen Produzenten Chris Price an Keyboards und diversen anderen Instrumenten. In der Mitte der Band sitzt Perhacs in einem roten Pullover und singt mit einer Lesebrille ihre Lieder vom Blatt; sie wirkt wie eine freundliche Tante oder wie eine milde Musiklehrerin, die sich sehr darüber freut, mit jungen Leuten etwas aufführen zu können.

Lange erzählt sie zwischen den Stücken die Entstehungsgeschichten der Lieder. In jedem Moment ist ihre Unsicherheit zu spüren und das Glück und das Staunen darüber, dass sie nun, fast ein halbes Jahrhundert zu spät, mit ihrer Musik doch noch die Menschen erreicht. Dennoch wird kein Oldie-Abend daraus. Zwar beginnt sie mit „Chimacum Rain“, dem ersten Stück der „Parallograms“-Platte, und spielt auch andere alte Songs wie das immer noch herzzerreißende „If You Were My Man“. Doch ebenso wichtig sind ihr die Lieder von dem kommenden Album. Sie singt ein neues Stück, das sie mit Devendra Banhart geschrieben hat und das prompt mit einem – sagen wir mal – recht maskulinen Gitarreneinsatz aus dem sonstigen Soundbild heraussticht. Als nächstes kommt eins, das mit Julia Holter entstanden ist: ein eleganter Kanon aus wenigen, unermüdlich wiederholten melodischen Motiven, die in den Tonhöhen langsam hinauf- und wieder heruntersteigen wie in einer Arvo-Pärt-Komposition. Schließlich gibt es noch einen neuen Song zum Lobpreis der Planeten zu hören (was wären wir auch ohne sie?), eine eher schlicht-esoterische Folkweise, die in der Studioversion – das verspricht Perhacs vorab –  „mit elektrischen Effekten“ angereichert sein wird.

Im Konzert spielen „elektrische Effekte“ nur eine geringe Rolle; so werden auch die psychedelischen Passagen in „Parallelograms“ durch mild-dissonanten Soulgesang der Begleiterinnen ersetzt. Vom Futurismus der Vergangenheit sind in der Gegenwart nur Spuren geblieben.  Dennoch geht man am Ende froh zurück in die Nacht:  So schön beseelt und innerlich leuchtend erschien diese Frau, die nach all den verpassten Jahrzehnten plötzlich am Anfang steht.

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