Ohne Bässe geht es nicht

Aus Anlass der generellen Glückswoche in Fernsehen und Funk: über Unglück und Glück bei Konzertbesuchen

In den ersten Momenten, in denen dieser Lärm sich auf das Publikum niedersenkt – er besteht nur aus Bässen, aus schleimdickem weißem und rosa Rauschen und unangenehmst knapp synkopisch gegen den Rhythmus des normalen Herzschlags stolpernden Beats –, in den ersten Momenten also dieses herzbeklemmenden Krachs schwanken die Menschen noch instinktiv schutzsuchend zwischen den kathedralenhohen Bassboxen hin und her, auf der Suche nach einem Ort, an dem sich der Druck auf das Bauchfell und die Ohren halbwegs ertragen lässt. Dann fliehen sie. Oder aber sie legen sich bombenopferflach, mit den vieren von sich gestreckt, auf die Erde und lassen ihren Blick hoch in die Kathedrale des Schnürbodens schweifen. Wie in der Hoffnung, dass derart die schlimmsten Druckwellen einfach über sie hinwegbranden werden – oder wie auf der Suche nach der spirituellen Erhebung, in die sich der niederschmetternde Krach alsdann dialektisch verkehrt.

Es ist jetzt über zehn Jahre her, dass Russell Haswell und Masami Akita sich unter dem Namen Satanstornade in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum Gipfeltreffen der Krachmeister und Ohrenschinder versammelten, und doch kann ich noch jede Sekunde, jeden Eindruck, jeden im Innenohr und in den Kieferknochen und in den von den Bässen flatternden Nasenflügeln sich festzwickenden Schmerz von damals spüren: einer der unvergesslichsten Momente, die ich jemals in einem Konzert erlebt habe. Ein Moment auch, zu dem mich die Worte verließen: Jeder Begriff kann die Intensität dieser Erfahrung nur parodieren, das erhebende Glück dieser alles niederwerfenden Kompromisslosigkeit.
Wann spürt man Glück in einem Konzert? Wenn man nichts mehr dazu zu sagen hat; wenn man alles vergisst, was um einen herum passiert, was man über die Musiker weiß oder zu wissen vermeint; wenn man vergisst, was einen in dieses Konzert geführt hat, mit wem man eigentlich hierher gekommen ist und was das für Menschen sind, die sich um einen herum – das ist der schönste aller denkbaren Fälle – genauso leidenschaftlich und schicksalsvergessen für diese Musik begeistern wie man selber.

In den glücklichsten Momenten in einem Konzert oder beim Tanzen zu einem gelungenen DJ-Set wird man zum Teil einer großen glücklichen Masse und zugleich doch wieder ganz auf sich selber geworfen, auf den eigenen, partikularen Körper, der zu einem einzigen Resonanzkörper wird. Man ist mit den vielen anderen gemeinsam im Rausch und doch ganz allein mit dem, was einen von der Masse trennt: mit dem eigenen Schmerz (denn ohne Schmerz gibt es kein glückliches Hören), mit der Erschöpfung, die aus dem Glücklichsein rührt, mit dem Sound und den Vibrationen.

Glück ist nicht der Normalzustand, gerade auch in Konzerten nicht. Ich bin äußerst oft äußerst unglücklich: weil die Musik langweilig ist, weil der Sound nicht stimmt, weil man in so vielen Konzertsälen nicht mehr rauchen darf; weil man, wenn man sich professionell mit Musik befasst, so oft übersättigt ist und müde. Man ist unglücklich, weil eine Band, die man liebt und die man vor dem Konzert etwa in einem großen Zeitungsartikel den Leuten ans Herz zu legen versuchte, dann doch wieder nur vor dreißig Leuten spielt. Man kann sehr unglücklich sein, wenn man in einer sehr großen Halle mit sehr vielen Menschen einem Konzert beiwohnen muss, das alle großartig finden, nur man selber nicht (sagen wir: allein unter zwanzigtausend begeisterten Rammstein-Hörern). Man kann in solchen Momenten aber auch erheitert und sehr zufrieden sein; das hängt davon ab, ob man gerade den Wunsch zum Allein- und Anderssein hegt oder auch nicht.

Das größte Glück aber stiftet natürlich das Unerwartete, die Überraschung. Nie werde ich vergessen, wie ich zum ersten Mal Antony Hegarty auf einer Bühne sah, als Gastsänger bei einem Lou-Reed-Konzert im Schiller-Theater im Frühling des Jahres 2003: Das war Liebe auf den ersten Blick! Und eine Liebe, die bis auf den heutigen Tag nicht erloschen ist. Nie werde ich auch vergessen, wie James Blake im April 2011 sein allererstes Konzert in Berlin im Berghain absolvierte. Was war das für ein Glück, diese Musik erstmals live hören zu dürfen, vor allem aber auch: diese Musik an diesem Ort, mit dieser atemberaubenden Akustik, diesem präzisen, weichen und doch so druckvollen Klang. Wie zart James Blake sang und wie demütig man sich in seine Balladen versenkte, und wie zugleich die Bässe von allen Seiten den ganzen Körper ergriffen.

Ja, die Bässe. Vielleicht kann man in einem Konzert nur wirklich glücklich sein, wenn die Bässe gut sind. Bei James Blake im Berghain gab es die schönsten Bässe, die ich jemals gehört habe: Sie ergriffen den ganzen Körper, doch auf zarte, ganz sanfte Weise; sie kamen plötzlich, aber ohne zu überwältigen; vielmehr kribbelten sie wie ein wohliger Schauder durch einen hindurch, wie eine Aufwallung unerwarteten Verliebtseins.
Auch das war natürlich schmerzvoll, aber nicht, weil es im Ohr oder im Schädel wehtat. Der Schmerz, den ich in diesem Augenblick spürte, kam aus der Erkenntnis, dass die Momente des allergrößten Glücks immer auch die allerkürzesten sind.

Vorabdruck aus dem Buch: „Zum Glück. Das RadioEins-Buch zur ARD-Themenwoche ,Zum Glück’“. Mit Texten von Horst Evers, Marion Brasch, Dietmar
Wischmeyer u.a. und einem Vorwort von Dr. Eckart von Hirschhausen.
Herausgegeben  von Radio Eins und der RBB Media. Ab 23. 11. im Buchhandel und auf www.radioeins-shop.de erhältlich, 14,99 Euro.

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