Reißt euch zusammen, jetzt wird mal richtig gefeiert

Zwangsbeglückung mit Diskobombast: Arcade Fire stellten im Astra ihr neues Album „Reflektor“ vor

Das ist einer von diesen Abenden, an denen man eigentlich zufrieden nach Hause gehen könnte; man hat ein interessantes Konzert von einer erfolgreichen Band angesehen, der man ihren Erfolg überaus gönnt; trotz ihres Erfolgs hat diese Band viel künstlerische Energie darauf verwandt, sich in origineller Weise fortzuentwickeln. Sie hat neues Terrain sondiert, andere Sounds und Spielweisen erprobt; sie musiziert nun vor einer begeisterten Menge, die – was bei Freunden erfolgreicher Bands keine Selbstverständlichkeit ist – nicht nach den bekannten Hits ruft, sondern sich lustvoll und dankbar auf die neuen Lieder einlässt und auf den neuen Stil.  Man könnte ganz froh sein. Aber irgendetwas fehlt, irgendetwas stimmt nicht an diesem Abend. Was ist es bloß?

Am Dienstag also stellte die kanadische Band Arcade Fire im Astra Kulturhaus ihr neues Doppelalbum „Reflektor“ vor. Das Konzert war erst vor anderthalb Wochen unter offensiver Geheimniskrämerei angesetzt worden, lediglich ein schäbig gestaltetes Plakat an einem Stromkasten auf der Warschauer Brücke versprach einen Auftritt der Gruppe Reflektors. Wer wusste, um wen es sich dabei handelt und daraufhin eine der raren Karten ergattern konnte, wurde auf diesen zum Tragen von Abendgarderobe oder Kostümen verpflichtet. Und fast alle Besucher hielten sich dran! Da die Berliner Pophörerschaft traditionellerweise eher zu selbstgeschneiderten Kostümen als zu maßgeschneiderten Anzügen neigt, war das Astra nun von lauter Leuten in Gorilla- und Bananenverkleidung, mit Schweinenasenmasken und in Zisterziensermönchskutten, mit drollig bemalten Gesichtern und Alufolienturbanen bevölkert. Und damit nicht genug  des Theaters: Vor Beginn des Konzerts ließen Arcade Fire auch noch eine weiße Superstars-fahren-in-so-etwas-vor-Stretchlimousine über das schlammige Astra-Gelände kurven, eine Mariachi-Band spielte neben der Warteschlange lustige Weisen, ein Tanzlehrer versuchte den ersten in der Halle ankommenden Fans, ein paar zu den neuen  Arcade-Fire-Songs besonders gut passende Schritte zu zeigen.

Man merkt schon, dass Karneval und Verkleidung in ihrem neuen Gesamtkunstwerkskonzept entscheidende Bedeutung besitzen; das kann man als originelle Abwechslung vom sonstigen Konzertgeschehen werten. Doch hatte die verordnete Festlichkeit dieses Abends auch etwas unangenehm Totalitäres, Erzwungenes. So wie die musikalische Wende auf „Reflektor“ erzwungen wirkt – eine Band, die man zunächst als quirliges Folkensemble kennengelernt hatte und die dann zügig zur Gothic-geprägten Bombastrockgruppe mutierte, verbindet nun karibische Rhythmen, jamaikanischen Reggae und haitianische Voodoomusik mit Siebzigerjahre-Disko… Tatsächlich finden sich in den 13 neuen Songs ein paar schöne Momente, treibende Bassläufe und schnarrende Beats aus dem Synthesizer, Reggae-Rhythmen und federnd leichte Gitarren. Doch im Ganzen wirkt das Potpourri ausgedacht und ideengesteuert.

Und so ist es dann auch im Konzert: In sonderbarer Weise spiegelt sich der Zwang zur Maskerade, zum Uneigentlichen, zur Kostümierung im Bühnengeschehen wider. Man hat das Gefühl, es nicht mit Musikern zu tun zu haben, sondern mit Musiker-Darstellern, die eine Band imitieren: So kontrolliert wirkt die Ekstase, die Régine Chassagne und Win Butler am vorderen Bühnenrand inszenieren; so routiniert präzise, aber eben auch frei von jeder Spontaneität ist das Spiel der insgesamt neunköpfigen Band.

Aus dem Bombastrock, dem Arcade Fire seit dem zweiten Album „Neon Bible“ frönten, ist nun eine Art Bombastdiskomusik geworden. Es werden Gitarre, Bass, Schlagzeug, Kongas und Drumpads bedient, der zwischenzeitig ausgestiegene Owen Pallett ist wieder an der Geige zu hören, und es gibt auch viele elektronische Beats. Aber gerade den Beats fehlt es an Druck und Raum, um als solche zur Geltung zu kommen. Sie sind zu eingeengt, zu überlagert von viel zu vielen anderen Sounds. Dem Zusammenspiel von Schlagzeug, Percussion und Elektronik fehlt es an jener  Lebendigkeit und Dominanz, die bei den  wirklich guten Disco-Rock-Konzerten des letzten Jahrzehnts –  sagen wir: von Animal Collective, Hot Chip oder eben LCD Soundsystem – so faszinierte.

Arcade Fire spielen hingegen  Tanzmusik, die nicht zum Tanzen auffordert, sondern zum Nachdenken über das Tanzen. Sie wollen, dass sich das Publikum in ihrer Musik reflektiert, aber wirken dabei ihrerseits, als würden sie hinter einer reflektierenden Glasscheibe stehen. Man zweifelt in keinem Moment an der Intelligenz dieser Band. Warum sie aber gerade die höchst erhitzte Musik ihrer Karriere mit der größtmöglichen Kälte darbieten muss, erschloss sich auch nach diesem Konzertabend nicht. Das Frösteln, das er erzeugte, ist am Ende folgenlos und bloß befremdlich geblieben.

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