Ohne Scham kein Ich

Jenseits  von Lady Gaga und Miley Cyrus: die tollsten neuen Diven der Pop-Saison

Lady Gaga klebt sich einen Dalí-Schnurrbart unter die Nase und lässt sich von einem vor zwanzig Jahren angesagten Pop-Künstler, Jeff Koons, das hässlichste Plattencover aller Zeiten gestalten; passenderweise ist die Musik, die man auf „Artpop“ hört, genauso kunstlos und abgehalftert. Miley Cyrus schaukelt, nur mit zwei Wanderstiefeln bekleidet, auf einer Abrissbirne herum und trällert dazu ein harmloses Liedchen („Wrecking Ball“). Madonna lässt sich in einem Videofilm aus Protest gegen die Weltwirtschaftskrise  in einer schick designten Gefängniszelle fesseln und vergewaltigen… Fühlen Sie sich auch gerade  so müde wie ich? Jedenfalls sagt man nicht zuviel, wenn man sagt, dass die weiblichen Pop-Superstars der westlichen Welt auch schon künstlerisch inspirierter gewirkt haben. So langweilig waren ihre Provokationsrituale lange nicht mehr, von der Musik ganz zu schweigen; von „Divendämmerung“ sprach der Autor Tobias Rapp gerade in einem klugen Essay auf Spiegel Online.

Aber das ist, wie stets, natürlich nur die halbe Wahrheit. Wenn man sich von der öden Schrillheit der Mainstream-Inszenierungen nicht blenden lässt und wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzusehen auf die laufende Pop-Produktion, stößt man gerade jetzt auf viele Bilder und Sounds, die einen aus der Lethargie reißen können. Zum Beispiel auf  das Cover von „Night Time, My Time“, dem  Debütalbum von Sky Ferreira: Darauf sieht man die Sängerin in einer Duschkabine, nackt, nass, mit verschmierter Schminke, erschöpft – eine eindrucksvoll irritierende Fotografie, aufgenommen von dem französischen Regisseur Gaspar Noé; eine Inszenierung von Nacktheit und Schutzlosigkeit, die – ganz anders als bei Madonna und Cyrus – einen persönlichen Zustand beschreibt und sich zugleich jedem sexistischen Blick widersetzt.

Das passt zu der Musik auf der Platte und zu ihrer Geschichte. Seit sie 15 war, sollte Sky Ferreira von wechselnden Plattenfirmen  und Managern zur neuen Britney Spears aufgebaut werden – ohne Erfolg; zwischenzeitig war sie vor allem als Model und Schauspielerin tätig. Jetzt ist sie 21 und singt zu trügerisch glitzernden Pop-Melodien über Selbstzweifel, Angst und Schutzlosigkeit und über die Mühsal, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Night Time, My Time“ ist ein reiches, intimes, zugleich sofort ins Ohr gehendes Werk; warum die zuständige Plattenfirma es nicht in Deutschland herausbringt und man es sich also nur als US-Import besorgen kann, gehört zu den vielen Rätseln der konzerngelenkten Musikindustrie.

Doch egal, denn Sky Ferreira ist nicht die einzige Debütantin, die man entdecken kann. In Wahrheit ist es sogar folgendermaßen: Jenseits von Gaga und  Cyrus, von Madonna und Katy Perry hat es lange schon nicht mehr so viele tolle neue junge Pop-Diven gegeben wie in diesem Herbst. Zum Beispiel auch die neuseeländische Sängerin Lorde: Auf ihrem Debüt „Pure Heroine“ bietet sie – gerade 16 geworden – sarkastische Zustandsbeschreibungen der Adoleszenz. Ausführlich erzählt Lorde vom erschöpfenden Gefühlstaumel der Pubertät, aber auch von ihrer „Angst vor dem Älterwerden“; sie erzählt von ihrer popkulturellen Sozialisation und Begeisterung  für die HipHop-Kultur – und davon, wie deren Luxus-und-Goldklunker-Ästhetik die Scham über ihre eigene Mittelschichtsherkunft immer noch steigerte.

Ohne Scham keine Ich-Bildung: Das muss man als 16-Jährige erst einmal so präzis formulieren. Und dann noch zu Beats, die so kalt, vertrackt und minimalistisch  erscheinen, dass man sie – sagen wir – noch vor zwei Jahren allenfalls in entlegenen Underground-Produktionen gehört hatte. „Pure Heroine“ aber zählt gerade zu den meistverkauften Platten weltweit! Auch das ist ein Wesenszug des neuesten Pop: Die Grenze zwischen Underground und Hitparadenmusik ist durchweg durchlässig geworden; in der erstaunlichsten Weise paaren sich avantgardistische Sounds mit einnehmenden Melodien und Songs.

Das gilt für junge Songwriterinnen wie Lorde ebenso wie für Clubmusik-Produzentinnen wie die Kanadierin Jessy Lanza, die auf ihrem Debüt „Pull My Hair Back“ Gesang und Elektronik kühn miteinander verzahnt. Es gilt aber auch für eher klassisch geprägte R’n’B-Sängerinnen  wie die großartige Kelela, die auf ihrem gerade erschienenen Erstling „Cut 4 Me“ kleine, schmerzhaft genaue Alltagsgeschichten von Liebe und Sehnsucht erzählt. In Liedern wie „Enemy“ oder „A Lie“ besingt sie die Entfremdung von einst nahen Menschen und Freunde, die zu Feinden geworden sind; sie singt von  der inneren Zerrissenheit, die uns alle so irre macht. Und das alles, während unter ihrer soulvoll samtenen  Stimme diabolisch heruntergepitchte Mönchschöre murmeln oder  die rasenden Ryhthmen des Footwork-Stils veitstanzhaft zucken.
Eine ganze Riege wagemutiger Beatbastler hat an „Cut 4 Me“ mitgewirkt, dennoch hat man niemals den Eindruck, es mit einem  gewollt sperrigen Underground-Werk zu tun zu haben.  Denn alles ordnet sich Kelelas Melodien unter, fordert sie heraus, bettet sie ein: Mit dem souveränen, doch nie gespreizten, nie unnötig extemporierenden Gesang stehen die elektronischen Sounds in spannungsreicher Beziehung. Geschmeidig und doch stets überraschend schmiegen sich die Rhythmen und Bässe unter die Stimme – um sich im nächsten Moment gegen sie wieder zu sperren, um den Raum um sie herum zum Erzittern zu bringen und die Geradlinigkeit der Melodie zu zerstören.

Unter all den großen Debüts dieses Herbstes ist „Cut 4 Me“ das größte: eine nahezu perfekte Pop-Platte und ein Werk der abenteuerlichsten Avantgarde; eine klangliche Kopfgeburt, von Zukunft gesättigt, und ein zutiefst menschliches, heutiges Werk.

Sky Ferreira: Night Time, My Time (Capitol/Universal USA/Import)

Lorde: Pure Heroine (Universal)

Jessy Lanza:  Pull My Hair Back (Hyperdub/Cargo); Konzert: Dienstag, 26. November, 21 Uhr, Berghain Kantine

Kelela: Cut 4 Me (Fade To Mind)

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Ein Gedanke zu “Ohne Scham kein Ich

  1. Also der Kritik v. Lorde muss ich widersprechen. Habe das Album am Wochende während einer Auto(bahn)fahrt gehört, konnte also ohne Ablenkung hinhören.

    Ich fand die Scheibe nicht sonderlich innovativ. Für mich ein weiterer Lana Del Ray Aufguss. Daher ggf. auch die großen Verkaufserlöse? Ich bin ehrlich- mein Englisch reicht i.d.R. nicht für ein Textversrändnis aus, daher kann ich das nicht bewerten- musikalisch für mich nur absoluter Durchschnitt. Und allein der Titel Diva macht noch lange keine gute Musik, ob neue oder Alte..

    Scheibe des Wochenendes war The Horrorist- Fire Funmania! Auf jeden Fall auch Musik von einer Diva!