Süßer die Glocken nie klingen

Siebenundzwanzigmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag! Schon schimmern wieder schön die Adventssterne über den festlich beleuchteten Baugruben unserer Stadt; von den allüberall eröffneten Weihnachtsmärkten weht der Geruch von verbrannten Mandeln und ranzigem Bratfett heran. Eine herrliche Zeit! Und wie stets, bieten uns die Konzertveranstalter gerade in diesen letzten Wochen des Jahres ein  besonders reiches  Programm an metaphysisch inspirierter und interessierter Musik. So ist etwa am Freitag im Admiralspalast die Delmenhorster Koloratursopranistin Sarah Connor mit ihrem „Christmas In Our Time“-Programm zu erleben, und zwar in Begleitung von Andrej Hermlin und seinem schwingenden Swing Orchester. Geboten  werden Klassiker wie „White Christmas“ und „Süßer die Glocken nie klingen“, aber auch von Sarah Connor selbst komponierte Jahresendstücke (29.11., 20 Uhr).

Ähnlich toll ist die Musik der norwegischen Gruppe Satyricon, die am Donnerstag (28.11., 21 Uhr) im Lido ihr gleichnamiges neues Album vorstellt; und auch diese wurzelt tief in der christlichen Mythologie. Wesentliche Teile ihres bisherigen Schaffens haben die beiden Bandbetreiber Satyr und Frost – die sich Anfang der Neunzigerjahre in der Osloer Kirchenanzünderszene kennenlernten – mit der Beschwörung des christlichen Teufels verbracht; und dies sowohl zu lieblich geblasenen Flötenmelodien wie auch im Klangbild einer klassisch  geräusch- und geschwindigkeitsorientierten Black-Metal-Formation. Kjetil „Frost“  Haraldstad zählt dabei fraglos zu den flottesten Doppelbasstrommelbedienern der Welt, schon seinetwegen lohnt sich der Konzertbesuch; Sänger Sigurd „Satyr“ Wongraven pflegt dazu mit leichenweiß geschminktem Gesicht vor einem gewaltigen Ziegenbocksgeweih zu posieren sowie an einem Mikrofonständer, der wie eine Mischung aus einem verkrüppelten Baum, zwei sich umeinander windenden Schlangen und einem krallenbewehrten Monster aussieht.

Weniger metaphysisch ist der Referenzrahmen der britischen Death-Metal-Gruppe Carcass, die am Mittwoch (27.11., ab 19 Uhr, mit Amon Amarth und Hell) in der Columbiahalle  ihr neues Album „Surgical Steel“ vorstellen wird – das erste seit 16 Jahren. Auf stilprägenden Platten wie dem 1988er Debüt „Reek of Putrefaction“ entwickelten Carcass einen nachgerade materialistisch zu nennenden Körperbeschreibungs- und -zerstörungs-Metal:     „Wegen der zerfetzten Hauptschlagader ist deine Leiche mit Blut durchnässt“, heißt es etwa in dem frühen Hit „Maggot Colony“,  „dein Mund ist aufgerissen, da deine Speiseröhre herausgezogen wurde“.

Werke wie dieses erschienen weiland auf dem Nottinghamer Label Earache Records – ebenso wie die Platten von Godflesh, einem Duo aus Birmingham, das  in anschaulicher Weise schon in seinem Namen Metaphysik und Materialismus miteinander verband. Justin Broadrick und G.C. Green spielten einen schwer verzerrten und zäh verschleppten Schlamm-Metal und ersetzten den Schlagzeuger durch einen Computer; Broadrick blieb auch nach der Auflösung von Godflesh 2001 in Projekten wie God, Techno Animal oder Isis eine prägende Figur für misanthrope Musik aller Art. Nach mehr als zehn Jahren spielen Godflesh nun wieder zusammen: Am Freitag (29.11., 21 Uhr) treten sie im Berghain auf. Das ist toll! Aber auch ein bisschen schade: Denn zeitgleich gibt die schwedische Black-Metal-Band Marduk im K17 eins ihrer seltenen Konzerte; auf ihrem aktuellen Werk „Serpent Sermon“ befassen sie sich mit unterschiedlichen Varianten des Jüngsten Gerichts und den Gräueln, die dabei entstehen.

Heinz Rudolf Kunze ist übrigens der Gast bei unserer nächsten Popkritik-Show im Roten Salon: Am Dienstag, den 17. Dezember, um 21 Uhr heißt es zum letzten Mal in diesem Jahr „Livekritik und Dosenmusik“. Auch der hier unterzeichnende Kolumnist verabschiedet sich nun in die Weihnachtspause. Ihnen, liebe Leser, wünsche ich gesegnete Feiertage. Auf Wiedersehen.

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